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IRRTUM: Während des Weihnachtsfriedens schlug ein deutsches Team ein englisches (Weihnachtsspezial 2)

 Es ist eine Geschichte, fast zu kitschig, um wahr zu sein: Weihnachten 1914, im ersten Jahr des Ersten Weltkrieges, verbrüderten sich zumindest mancherorts die deutschen und englischen Soldaten (und einige Franzosen), die sich in den Schützengräben gegenüberlagen, spontan. Entgegen ihren Befehlen verließen sie ihre Stellungen, sangen und feierten gemeinsam im Niemandsland, tauschten Rationen und Ausrüstung – und spielten auch Fußball. Bis dahin stimmt das alles.

Es mag ein bisschen merkwürdig anmuten (und ist vielleicht der deutsch-englischen Fußballrivalität geschuldet), dass bei einer Geschichte um Versöhnung und internationale Verständigung so viel darüber gesprochen wird, wer dieses Fußballspiel denn nun gewonnen hat. In Deutschland wird durchgängig von einem deutschen Sieg ausgegangen, in England gibt es sowohl Überlieferungen, nach denen die Deutschen am Ende die Nase vorn haben, als auch solche, in denen die Engländer siegen.

Aber alle, die von dem deutschen oder englischen Sieg sprechen, machen einen grundsätzlichen Fehler: Sie gehen von einem einzigen, organisierten Spiel mit zwei klar definierten Teams und einem klar feststellbaren Sieger aus. Tatsächlich wurden an jenem Weihnachtstag an zahlreichen Orten entlang der Front Fußbälle hervorgeholt und herumgekickt. Teilweise hunderte Soldaten gleichzeitig traten gegeneinander an, Ergebnisse wurden wohl nur von den wenigsten gezählt – sie spielten keine Rolle. Der britische Soldat Ernie Williams erzählte von einem Spiel, das beim belgischen Wulvergen ausgetragen wurde: „Es gab keinen Schiedsrichter, woher auch, es gab keinen Torstand, schon allein die Stiefel, die wir trugen, verhinderten ein richtiges Spiel, denn die waren voller Dreck und entsprechend schwer.[i]“ So dürfte es an den meisten Orten entlang der Schützengräben ausgesehen haben. In den wenigen Fällen, in denen Ergebnisse überliefert sind, fallen die sehr unterschiedlich aus. Im Tagebuch eines Lancashire Fusiliers ist die Rede von einem 3:2-Sieg eines deutschen Teams, den allerdings beide Seiten nicht so ernst nahmen – nicht alle Tore wären nach Meinung der Spieler unter normalen Umständen regulär gewesen. Ein britischer Veteran erinnerte sich 1974, an anderer Stelle einen schottischen 4:1-Sieg erlebt zu haben[ii]. Ob hier tatsächlich gezählt wurde oder kreative Erinnerung am Werk war, werden wir wohl nie sicher wissen. Ein einzelnes, ernsthaftes Spiel mit einem „richtigen“ Sieger hat es jedenfalls nicht gegeben.

Übrigens: Es gibt auch keine Fotos von den damaligen Fußballspielen. Die Bilder, mit denen die entsprechenden Artikel oft versehen sind, stammen von anderen Gelegenheiten. Das berühmteste, das einige Soldaten im Luftduell um einen Fußball zeigt, wurde tatsächlich 1915 bei einem Fußballspiel zwischen britischen Soldaten und ihren Offizieren nahe von Thessaloniki aufgenommen[iii].



[i] Jürgs, Michael: Merry Christmas – Der kleine Frieden im großen Krieg. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005. S.177

[ii] Ebd., S.178f.

[iii] Sommavilla, Fabian: 33 Sportereignisse, die die Welt verändern. KATAPULT-Verlag, Greifswald 2022, S.206ff.

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