Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?

 

Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse.

Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bis 2016 gab es in diesem Fall auf jeden Fall eine rote Karte und abhängig vom Ort des Geschehens entweder Freistoß (außerhalb des Strafraums) oder Elfmeter (innerhalb des Strafraums). Auf Betreiben einiger nationaler Verbände, darunter dem DFB, die eine „doppelte Bestrafung“ durch Elfmeter und Platzverweis in vielen Fällen für zu hart hielten, wurde diese Regelung beginnend mit der Europameisterschaft 2016 abgeschwächt: Während für eine Notbremse außerhalb des Strafraums weiterhin Platzverweis plus Freistoß zwingend sind, kann es der Schiedsrichter bei einer Notbremse innerhalb des Strafraums unter Umständen bei Elfmeter plus gelber Karte belassen.

Dieser Fall liegt vor, wenn:

- Die Notbremse im Strafraum passiert und mit Elfmeter geahndet wird;

- das Foul im Kampf um den Ball passierte;

- das Foul nicht per se mit Rot zu ahnden wäre (wie etwa ein besonders brutales Foul).

Das bedeutet: Die Doppelbestrafung wird nach wie vor eingesetzt, wenn ein Foul nicht im direkten Kampf um den Ball passiert (die offiziellen DFB-Regeln weisen etwa darauf hin, dass „Halten, Ziehen, Stoßen oder [ein Foul ohne] Möglichkeit, den Ball zu spielen“ weiterhin einen Platzverweis nach sich ziehen) oder ohnehin in die Kategorien „Grobes Foulspiel“ oder „Tätlichkeit“ fällt.

Darüber hinaus bezieht sich diese Regelentschärfung ausschließlich auf Notbremsen; bei allen anderen seit jeher rotwürdigen Vergehen im Strafraum wird nach wie vor eine „Doppelbestrafung“ verhängt. Das gilt insbesondere für die Torverhinderung durch Handspiel. Um erneut das DFB-Regelwerk zu zitieren: „ Wenn ein Spieler ein Tor oder eine offensichtliche Torchance des Gegners durch ein Handspielvergehen vereitelt, wird er unabhängig vom Ort des Vergehens des Feldes verwiesen (mit Ausnahme des Torhüters im eigenen Strafraum)“. Der Platzverweis für Wamser war also korrekt.

 

Quellen:  Deutscher Fußball-Bund: Fußball-Regeln 2023/2024.  S. 80f. (https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/287914-AU2300707_PL_Broschuere.pdf); Spox: Erklärung zu Elfmeter und Rote Karte: Wann gilt die Doppelbestrafung? 14.06.2024 (https://www.spox.com/fussball/listen/regeln-notbremse-doppelbestrafung-wann-rote-gelbe-karte-elfmeter-foul/3723635 , abgerufen am 15.07.2025); Kellner, Uwe: Notbremse Rot oder Gelb? Dreifachbestrafung entfällt in den meisten Fällen. 17.09.2024 (https://www.anpfiff.info/sites/cms/artikel.aspx?SK=2&Btr=115571&Rub=109 , abgerufen am 15.07.2025); https://de.wikipedia.org/wiki/Notbremse_(Fu%C3%9Fball) (abgerufen am 15.07.2025)

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...