In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Ecken noch indirekt ausgeführt – das heißt, nach dem Eckballschützen musste noch mindestens ein weiterer Spieler den Ball berühren, bevor ein Tor erzielt werden konnte. So hatte Uruguay während der Olympischen Spiele 1924 nichts davon, dass Hector Scarrone zweimal direkt von der Ecke aus ins gegnerische Netz traf – beide Treffer zählten nicht. Uruguay wurde zwar trotzdem Olympiasieger, die zwei nicht gegebenen Eckballtreffer nagten aber am Verband. So wurde der Antrag an die FIFA gestellt, Ecken künftig direkt ausführen zu lassen. Der Antrag wurde angenommen, und nur wenig später fiel auch schon das erste reguläre Tor direkt aus einer Ecke. Torschütze war der Argentinier Cesar Onzari, der damit zum 2:1-Sieg seiner Mannschaft traf – gegen Uruguay! Weil durch dieses Tor der Olympiasieger bezwungen wurde, bezeichnet man direkt verwandelte Eckstöße in der spanischsprachigen Welt seither als gol olímpico, „Olympisches Tor“.
Dass diese olympischen Tore eine Seltenheit sind, ist bekannt. Aber generell gilt die Ecke, zumindest in ihrer indirekt ausgeführten Variante, als besonders gefährliche Standardsituation. In manchen Stadien werden Ecken gefeiert, als wäre bereits ein Tor gefallen und nicht nur manch ein Fan schätzt eine Ecke ähnlich wertvoll ein wie einen Elfmeter. Lohnt es sich für eine Mannschaft also, verstärkt auf Eckbälle zu setzen?
Nun, die Ecke ist bei weitem nicht so gefährlich, wie viele Menschen annehmen. In den Bundesligaspielzeiten 1989/1990 bis 2007/2008 führten laut Roland Loy nur rund 2% aller Ecken zu einem Tor (demnach müssen also 50 Ecken getreten werden, bevor ein Tor fällt)[i], nur 8,5% aller Treffer gingen direkt auf eine Ecke zurück[ii]. Ähnliche Ergebnisse erstellte ein Reddit-User namens „hesussavas“ für die Saison 2016/2017: In der Bundesliga führten nach seiner Datensammlung nur 0,82% der Ecken zu einem Tor, in der englischen Premier League 1,29%[iii].
Allerdings ist zu berücksichtigen: Das ist ein typisches Beispiel einer Statistik, in der ein Durchschnittswert von beschränkter Aussagekraft gebildet wird. Denn wie gefährlich eine Ecke wirklich ist, unterscheidet sich von Mannschaft zu Mannschaft deutlich. „Hesussavas“ entdeckte bei seiner Studie einen statistischen Ausreißer in der Premier League: West Bromwich Albion konnte immerhin 6,29 % der eigenen Ecken zu einem Treffer ummünzen – brauchte also nur etwa 15 Ecken pro Tor. Noch besser machte es zum Beispiel der 1.FC Köln in der Bundesliga-Saison 2019/2020: Die Kölner verwandelten 8,4% ihrer Ecken, brauchten also etwa 12 Ecken für ein Tor (auf der anderen Seite stand damals der SC Freiburg mit 1,72% erfolgreichen Ecken, also einem Tor pro 58 Ecken)[iv]. Fans von West Bromwich 2016/2017 oder Köln 2019/2020 hatten also durchaus Grund, sich auf Ecken zu freuen. Allein, an einen Elfmeter reichten auch die Kölner Ecken nicht heran – der zieht eine Torwahrscheinlichkeit von etwa 75% nach sich…
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