IRRTUM: Ein Zettel verriet Jens Lehmann 2006 die Schussrichtungen der argentinischen Elfmeterschützen
Es ist eine der beständigsten Mythen der jüngeren deutschen Fußballgeschichte: Im Viertelfinale der Heim-WM 2006 kommt es zum Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Argentinien. Torwarttrainer Andreas Köpke steckt seinem Keeper Jens Lehmann ein Zettelchen zu, welches dieser im Stutzen verstaut und vor jedem Elfmeter der Argentinier konsultiert. Lehmann hält gegen Ayala und Cambiasso, Deutschland gewinnt – und das Zettelchen wird zur Legende. Angeblich hätte es Informationen über die bevorzugten Schussrichtungen aller Argentinier enthalten und es Lehmann so ermöglicht, die entscheidenden Elfer abzuwehren. Bis heute wird das in der Fußballliteratur so weitererzählt, selbst das hervorragende Der Fußball – Die Wahrheit, dem ich viele Anregungen und Informationen für diesen Blog verdanke, behauptet auf Seite 139: „Dank des Zettels von Vorgänger Kahn hält Jens Lehmann bei der WM 2006 gegen Argentiniens Cambiasso“.
Dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus, und das ist auch ohne genaue Kenntnis des Zettelinhalts offensichtlich.
Damit eine brauchbare Prognose über die bevorzugte Ecke beim Elfmeter (und darüber, ob der Spieler überhaupt eine bevorzugte Ecke hat) angestellt werden kann, müsste eine ganze Reihe von Elfmetern unter Turnierbedingungen beobachtet worden sein. Ein Elfmeterschießen hat aber an sich, dass Schützen antreten müssen, die sonst nie oder nur sehr selten schießen. Roland Loy ging der Sache für sein Lexikon der Fußballirrtümer nach und konnte für Cambiasso nur einen, für Ayala gar keinen Elfmeter in den Jahren vor der WM finden[i]. Woher sollen die Daten also gekommen sein?
Jens Lehmann sagte später mehrfach, der Zettel sei keine große Hilfe gewesen. Und mittlerweile ist der Zettel auch einsehbar, was den Mythos eigentlich endgültig zerstören sollte. Von den vier tatsächlichen argentinischen Schützen stehen nur zwei auf der Liste, Ayala und Maxi Rodriguez. Bei beiden ist die angegebene Ecke die falsche[ii], Lehmann parierte trotzdem gegen Ayala. Cambiasso taucht auf dem Zettel überhaupt nicht auf.
Einen Effekt hat der Zettel aber möglicherweise doch gehabt, und so war es wohl von Anfang an auch gedacht – er dürfte die Schützen verunsichert haben. Gerd Gigerenzer vom Max-Plank-Institut für Bildungsforschung sagte auf dem DFB-Wissenschaftskongress 2016, Lehmann hätte genauso gut seine Minibar-Rechnung aus dem Hotel oder den Einkaufszettel seiner Frau in den Stutzen stecken können…
Kommentare
Kommentar veröffentlichen