IRRTUM: Es gibt einen "Trainer-Effekt" - nach der Entlassung des Trainers spielt die Mannschaft besser
Kein Zweifel, es gibt gute Gründe für einen Trainerwechsel. Wenn der alte Trainer die Mannschaft „nicht mehr erreicht“ oder einfach schlecht ist. Im Prinzip wäre eine Entlassung sogar sinnvoll, wenn der Trainer gut ist, aber ein noch besserer auf dem Markt. Aber lohnt es sich auch, einen Trainer wegen schlechter Ergebnisse auszutauschen? Viele Experten und Fans meinen, ja. Hartnäckig hält sich die Legende vom „Trainereffekt“: Wird ein Trainer in einer erfolglosen Saisonphase entlassen und durch einen neuen Mann ersetzt, dann weht ein frischer Wind im Team und die Ergebnisse verbessern sich. Aber ist das wirklich so?
Obwohl wohl jedem Fußballfan diverse Beispiele für den „Trainereffekt“ einfallen, erstaunlicherweise nicht. Wie eine Studie unter Leitung des Physikprofessors Andreas Heuer von der Universität Münster belegte, ist es für die Ergebnisse egal, ob man den Trainer in der laufenden Saison entlässt, oder an ihm festhält[i].
Die Forscher werteten über 150 Trainerentlassungen in der Bundesliga zwischen 1963 und 2009 aus und erkannten ein Muster: Zunächst spielt die Mannschaft etwas erfolgloser als zu erwarten wäre. Irgendwann kommt es dann zu zwei besonders schlechten Spielen in Folge, und daraufhin wird der Trainer entlassen. Kurz darauf verbessern sich die Ergebnisse leicht.
Das scheint den Mythos zunächst zu bestätigen, doch Heuer und sein Team verglichen diese Fälle mit solchen, in denen der Trainer trotz schlechter Saison und zwei besonders schlechten Spielen in Folge nicht gefeuert wurde – und konnten feststellen, dass sich auch in diesen Fällen eine Wende zum Positiven zeigte.
Woran liegt das? Schlicht und einfach daran, dass sich die Ergebnisse im Laufe der Zeit auf ein normales Maß einpendeln. Hat eine Mannschaft wesentlich schlechtere Ergebnisse als nach ihrem Potential zu erwarten wäre, liegt das vor allem an Pech. Und man kann nicht immer Pech haben. Irgendwann wendet sich das Blatt ganz von alleine zum Guten – in der Statistik bezeichnet man dieses Phänomen als „Regression zur Mitte“. Heuer vergleicht das im Interview mit der Sportschau mit einer Würfelmeisterschaft. Alle Teams würfeln um die Wette. Das Team, das die schlechtesten Ergebnisse würfelt, tauscht den Trainer aus – und irgendwann fallen dann auch mal wieder höhere Zahlen, weil nicht immer niedrige fallen können[ii].
Zu einem ähnlichen Resultat war bereits 2003 eine Studie der Sportpsychologen Strauss und Tippenhauer gekommen[iii].
Ist es also egal, ob man den Trainer austauscht oder nicht? Nein – wenn es nur um Ergebnisse geht, ist es sogar eine schlechte Idee. Denn während der positive Effekt gleich null ist, entstehen auf der negativen Seite unnötige Kosten. Dem alten Trainer muss eine Abfindung oder weiter sein Gehalt gezahlt werden, das Gehalt und mögliche Ablösekosten und Handgelder für den neuen Trainer kommen dazu. So gesehen ist es finanziell ratsam, am alten Trainer festzuhalten.
Bleibt noch die Frage: Sind diese Erkenntnisse bei den Vereinsvorständen nicht angekommen? Oder warum werden immer noch Trainer panikhaft entlassen, wenn es mal eine Weile nicht so gut läuft?
Ganz einfach: Da ist zum einen der Druck von außen – die Fans, von denen viele immer noch an den Trainereffekt glauben, fordern die Entlassung erfolgloser Trainer. Und zum anderen ist da noch die Hilflosigkeit. Denn in der laufenden Saison kann ein Vorstand nicht viel machen, um die Geschicke der Mannschaft zu wenden. Neue Spieler kann man ja nur in den kurzen Transferzeiträumen verpflichten. So bleibt der Trainerwechsel als einzig möglicher Impuls, der ins Team gegeben werden kann – auch wenn er in Wirklichkeit meist sinnlos ist.
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