Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Die Ergebnisse eines Tipp-Spielers zeigen seine Fußballfachkompetenz

 Welcher Fußballfan hat nicht zumindest im privaten Bereich schon an einem Tippspiel teilgenommen? Von hochpreisigen Wettspielen, bei denen man bis ins kleinste Detail des Spiels Prognosen abgibt, bis hin zum WM-Partien-Tippen im Familienkreis gibt es eine enorme Bandbreite und man kann sich dem Thema kaum entziehen. Aber wer hat die besten Chancen bei einem Tippspiel? Darüber kursieren zwei verschiedene Ansichten. Erstens: Erfolg im Tippspiel ist ein Hinweis auf große Fachkompetenz. Wer regelmäßig gut abschneidet, der kann sich der Bewunderung der fußballbegeisterten Freunde sicher sein. Denn so jemand muss ja wohl richtig Ahnung haben, oder? Zweitens: Beim Tippspiel gewinnen immer die, die gar keine Ahnung haben. Das Glück ist mit den Dummen. Typischerweise begleitet von der Geschichte von der Freundin des besten Kumpels, die mal bei der Männertipprunde mitgemacht hat, obwohl sie nicht mal wusste, was eine WM eigentlich ist – und dann am Ende Platz 1 belegte…

Böse Zungen behaupten, welcher dieser beiden Mythen man Glauben schenke, hänge in erster Linie von den eigenen Leistungen beim Tippspiel ab. Wer aber liegt nun richtig?

Es gibt tatsächlich eine Reihe von Studien zum Thema, die je nach Aufbau der Studie unterschiedliche Resultate liefern – mal sind die Experten minimal erfolgreicher, mal die Laien, mal gibt es gar keinen erkennbaren Unterschied.

Das ist nicht sonderlich überraschend, denn um einen guten Tipp abzugeben, braucht man vor allem eins: Glück. Laut Andreas Heuer von der Universität Münster, der sich ausführlich mit den erfolgversprechendsten Strategien für Fußballtippspiele auseinandersetzte, hängt der Ausgang eines Fußballspiels zu 86% vom Zufall ab[i] - und den Zufall kann man nicht prognostizieren. Nur für die restlichen 14% spielt Fachwissen eine Rolle. Das ist fast schon unerheblich. So haben erfolgreiche Tipper bei der Frage nach der Tendenz eines Spiels (also: Heimsieg, Unentschieden oder Auswärtssieg?) eine Trefferquote von rund 50%, während erfolglose Tipper bei rund 40% landen[ii], kein allzu großer Unterschied.

Heuers Ansicht wurde 2006 vom Sportpsychologen Markus Raab untermauert, dessen Studie zeigte: Turnierverläufe werden zu stark vom Zufall bestimmt, um seriös prognostizierbar zu sein, daher spielt Expertise beim Tippen keine Rolle[iii].

Das bestätigte auch Janning Vygen, der Chef des Online-Tipp-Anbieters kicktipp.de 2015 der Zeitung Welt: „Ich habe zwar mehr Informationen, kann aber gar nicht wissen, wie ich diese in meinem Tipp gewichten muss. Und wer der Favorit ist, weiß höchstwahrscheinlich auch der Laie.[iv]

Eine Studie der Universität Mainz, die sich mit dem Tippverhalten der Deutschen während der EM 2016 und der WM 2018 befasste (in dieser Studie lagen „Experten“ übrigens leicht vorne, „Ahnungslose“ hielten aber gut mit), räumte noch mit einem weiteren Mythos auf: Den vermeintlich völlig ahnungslosen Tipprunden-Teilnehmer ohne jedes Fußballinteresse gibt es in Wirklichkeit kaum. Wer an einem Tippspiel teilnimmt, fängt spätestens dann an, sich zu informieren. Bei sonst nicht Fußballinteressierten stieg die Nutzung von fußballbezogenen Medien während der Dauer des Turniers (und damit des Tippspiels) um das Dreifache an[v].

Vielleicht zum Nachteil dieser Tipper. Denn 2012 fertigte der Potsdamer Sportpsychologie-Student Franz Baumgarten im Rahmen seiner Diplomarbeit eine Studie an, laut der beim Tippspiel eine besondere Gruppe die besten Erfolgsaussichten hat: Experten, die nicht wie Experten vorgehen.

„Am besten ist es, sich die Mannschaften anzuschauen, Informationen zu sammeln, sich dann aber mit etwas völlig anderem zu beschäftigen und danach schnell zu tippen“, sagte er dem SPIEGEL[vi]. Wer zu viel über die größtenteils irrelevanten Details nachgrübelt – Bilanz der Teams gegeneinander, Verletzungsausfälle und Sperren, Gerüchte über die Stimmung in den Mannschaften etc. pp. –, der haut demnach anschließend oft daneben, während das Bauchgefühl eines Experten dem eines Ahnungslosen überlegen ist…   

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...