„Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.“
Mit dieser simplen Erkenntnis zerstörte der Erfolgstrainer Christoph Daum eine der populärsten hobbypsychologischen Annahmen im Fußball – dass ein Gegentor kurz vor der Halbzeitpause für eine Mannschaft psychologisch besonders ungünstig sei. Denn man ginge ja jetzt mit einem späten Schock in die Kabine und könne nicht umgehend auf die neue Situation reagieren.
Denkt man kurz darüber nach, wirft diese Annahme Fragen auf: Muss sich eine Mannschaft ärgern, die in der 30. Minute trifft – weil es besser gewesen wäre, zehn Minuten später zu treffen? Oder, wie Daum es formulierte: Gibt es einen Zeitpunkt, zu dem es günstig ist, ein Gegentor zu kassieren? Kaum vorstellbar. Und selbst wenn: Wer sagt, dass ausgerechnet kurz vor der Pause ungünstig ist? Man könnte ja auch im Gegenteil spekulieren, dass ein Gegentor kurz vor dem Pausenpfiff psychologisch eher weniger problematisch ist. Schließlich hat man in der Pause Zeit, den Schock zu verdauen und sich eine neue Taktik zu überlegen…
Letztlich gibt es auf die Frage nach dem psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt für ein Gegentor aber eine ganz banale Antwort: Es gibt keinen – wann genau ein Tor fällt, spielt für den weiteren Spielverlauf keine Rolle. Laut dem Londoner Psychologieprofessor Peter Ayton, der über 350 Premier-League-Spiele verglich, lassen sich vom Zeitpunkt eines Tores keine Aussagen über den restlichen Spielverlauf ableiten[i].
Immerhin: Während unter Laien immer noch gerne über psychologisch ungünstige Tore fabuliert wird, setzt sich die Erkenntnis, dass das Unfug ist, unter Experten langsam durch. War „Das wäre jetzt ein psychologisch günstiger Zeitpunkt für ein Tor“ bis in die frühen 2010er Jahre eine Standardfloskel unter Fußballreportern und -kommentatoren, wird es heutzutage praktisch nur noch ironisch verwendet…
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