Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Es spielt keine Rolle, ob Nationalspieler vor dem Spiel die Hymne mitsingen

 Als Deutschland bei der EM 2012 auf Italien traf, waren die Jungs von Jogi Löw leichter Favorit. Aber kurz vor dem Spielbeginn überkam viele Fans eine böse Vorahnung, und der Tenor in den sozialen Medien änderte sich plötzlich von „Das gewinnen wir“ zu „Das wird haarig“. Manch einem Fan mag plötzlich die schlechte Statistik der Deutschen gegen Italien wieder in den Sinn gekommen sein; andere waren entsetzt über die Aufstellung, die Löw gewählt hatte (so ging es auch mir und dem Kumpel, mit dem ich das Spiel schaute). Aber viele beschlich ein ungutes Gefühl, als sie die Darbietung der beiden Nationalhymnen sahen: Während die deutschen Spieler den Text bestenfalls ein bisschen vor sich hinmurmelten – einige sangen gar nicht –, schmetterte die Squadra Azzura ihre Hymne mit Inbrunst heraus. Nachdem die Deutschen dann 1:2 verloren hatten, wurde mehr über die Gesangsleistung diskutiert als über Jogi Löws taktische Fehler.

Spätestens seitdem ist es in sozialen Medien ein gewohntes Bild geworden: Schneidet die deutsche Nationalmannschaft schlechter ab als erwartet/erhofft, dann blökt es aus der rechten Ecke zuverlässig, das läge alles am mangelnden Nationalstolz. Wenn auf dem Nationaltrikot die deutsche Flagge zu sehen wäre, wenn man das Team DEUTSCHE NATIONALmannschaft nennen würde statt nur „Die Mannschaft“ und wenn eben die Nationalspieler vor dem Spiel die Hymne mitsingen würden… ja, dann wäre alles besser! Der vernunftbegabte Fan tut das meist als Humbug ab. Natürlich spielt es keine Rolle, ob Schwarz-Rot-Gold aufs Trikot gepinselt ist oder ob die Spieler die Nationalhymne singen, oder?

Bei aller Abscheu vor der Deutschtümelei: Der Rest mag Humbug sein, aber an der Sache mit der Hymne ist was dran. Bei der EM 2016 untersuchten englische Forscher den Effekt des Hymnensingens und stellten fest: Die Mannschaften, die vor dem Anpfiff lautstark ihre Nationalhymne gesungen hatten, kassierten signifikant weniger Tore; in den K.O.-Spielen waren ihre Siegchancen größer (dieser Effekt zeigte sich in den Gruppenspielen allerdings nicht)[i].

Die Forscher vermuten, dass die Performance beim Singen der Hymne etwas über den Zusammenhalt und die Einsatzbereitschaft des Teams aussagt – auch für die Spieler selbst, die durch den gemeinsamen Gesang nochmal angeheizt werden, und für die Gegner, die eingeschüchtert werden.

Würde es dann also etwas bringen, wenn die deutschen Nationalspieler zum Singen der Hymne verpflichtet werden würden, wie vielfach von Fans und vereinzelt aus der Politik gefordert wurde? Nein. Wichtig ist die Überzeugung, mit der gesungen wird. Eine Mannschaft, die aus Verpflichtung, aber ohne Begeisterung singt, hat keine positiven Effekte zu erwarten. So erging es zum Beispiel den Engländern, die bei der WM 2014 zum Hymnensingen verdonnert worden waren – und sieglos schon in der Vorrunde scheiterten.

Es ist auch nicht per se wichtig, dass es sich bei dem Dargebotenen um die Nationalhymne handelt. Was auch immer die Identifikation der Spieler mit dem Team steigert, funktioniert. Ein berühmtes Beispiel für einen vergleichbaren Effekt, der ohne Nationalhymne auskommt, ist der Haka, der Maori-Kriegstanz, den die Rugby-Nationalmannschaft Neuseelands vor Länderspielen aufführt. Für die englischen Fußballer wäre es also vielleicht hilfreicher gewesen, vor dem Spiel gemeinsam einen der vielen Lieblingssongs englischer Fans zu schmettern – „Sweet Caroline“ etwa.

Zu guter Letzt ist zu beachten: Der Hymneneffekt ist nur ein kleiner von zahllosen Aspekten, die sich auf ein Spielergebnis auswirken. Man kann auch trotz Gesang schlecht abschneiden – siehe Italien in den Qualifikationsspielen für die WMs 2018 und 2022. Oder ohne Gesang erfolgreich sein: Die deutschen Weltmeister von 1974 weigerten sich bekanntlich größtenteils, die Hymne zu singen. Und in den Jahren von 2008 bis 2012, als Spanien den Weltfußball dominierte, sang nicht ein einziges Mal ein spanischer Spieler auch nur ein Wort der Hymne – das ist schließlich gar nicht möglich, die spanische Nationalhymne hat keinen Text.

Dennoch: In einem engen Spiel kann der musikalische Auftritt vor dem Anpfiff das Zünglein an der Waage sein – und so ist es durchaus denkbar, dass Deutschland die EM-Partie gegen Italien 2012 tatsächlich wegen der Nationalhymne verlor…

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...