Das legendäre Wembleystadion wurde 1923 nach nicht mal einem Jahr Bauzeit fertiggestellt. Drei Tage nach Abschluss der Arbeiten war auch schon das erste Spiel angesetzt, das Finale des FA-Cups zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United. Doch zur Enttäuschung der Organisatoren konnten im Vorverkauf nur 36.000 Tickets verkauft werden – für ein Stadion mit 127.000 Plätzen! Und das, wo doch der König persönlich anwesend sein würde, um den Siegerpokal zu überreichen! Undenkbar! So wurde noch einmal mächtig Werbung gemacht, um das Stadion an der Tageskasse vollzumachen – mit Erfolg: Um 11.30 öffneten die Tore, um 13.00 waren alle Plätze ausverkauft. Aber weiter strömten Menschenmassen zum Stadion. Die Tore wurden geschlossen, aber viele Fußballfans kletterten einfach über die Absperrungen, und bald tummelten sich 250.000 bis 300.000 Menschen im damit völlig überfüllten Stadion. Nicht nur die Ränge platzten aus allen Nähten, selbst das Spielfeld war voller Zuschauer. Ordner versuchten, das Feld freizubekommen, vergeblich. Dann griff die berittene Polizei ein. George Scorey ritt auf seinem weißen Pferd Billy mitten unter die Menschenmassen und begann ganz allein, sie zurückzudrängen. Unter freundlichen Worten des Polizisten – „Ihr wollt doch das Spiel sehen“ – und leichten Schubsern mit der Schnauze des Pferdes wichen die Fans immer weiter zurück, bis das Spiel angepfiffen werden konnte.
So wird die Geschichte des ersten Spiels im Wembley-Stadion bis heute erzählt. Die Partie ist als „White Horse Final“ in die Geschichte eingegangen, und eine Fußgängerbrücke am neuen Wembley-Stadion heißt White Horse Bridge[1]. Aber stimmt das alles auch?
Nicht ganz. Kaum denkbar, dass ein einzelner Reiter die Situation hätte unter Kontrolle bringen können, und so war es auch nicht. Eine ganze berittene Einheit war im Einsatz, Scorey und Billy (der übrigens grau und nicht weiß war) waren nur eins von mehreren Pferd-und-Reiter-Duos, die die Menschen vom Feld drängten. Warum streichen sie dann heute meist alleine den Ruhm ein? Weil auf den grobkörnigen Schwarzweiß-Fotos von damals der hellgraue Billy weiß wirkt und deutlich hervorsticht. Alle anderen Pferde, die auf den Fotos zu sehen sind, waren dunkler und sind vor den ebenfalls dunkel wirkenden Menschenmassen kaum zu erkennen. Wer nur einen oberflächlichen Blick auf die Fotos von der Räumung des Spielfeldes wirft, der sieht nur ein vermeintlich weißes Pferd, vor dem eine dunkle Masse zurückweicht. So ging es wohl auch den Zeitgenossen, die die Fotos am nächsten Morgen in der Zeitung sahen, und daher entstand schnell die Legende vom einzelnen weißen Pferd, das das FA-Cup-Finale rettete…[i]
[1] Das ist die Fußgängerbrücke, deren Name mit einer Internet-Abstimmung entschieden werden sollte – bis deutsche Fans die Abstimmung enterten und in Massen für „Dietmar-Hamann-Brücke“ stimmten, nach dem deutschen Nationalspieler, der das letzte Tor im alten Wembley-Stadion erzielt hatte.
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