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IRRTUM: Fußball wäre attraktiver, wenn wesentlich mehr Tore fielen

 

Neben der Schauspielerei und der Kommerzialisierung ist die Hauptkritik von Fußballgegnern immer wieder: Es fallen einfach zu wenig Tore. Was soll man denn mit einem Sport anfangen, bei dem man eventuell nur einmal im Spiel jubeln kann – und vielleicht nicht einmal das, auch ein 0:0 liegt ja im Bereich des Möglichen? Ist es nicht viel besser, wenn wie beim Handball rund 50 Treffer pro Spiel garantiert sind? Und sind nicht die wenigen Tore der Grund, warum der Sport bei den aufregungssuchenden Amerikanern so verhältnismäßig unbeliebt ist? Selbst Fußballfans und -funktionäre beklagen manchmal die geringe Torzahl, mehrfach wurden erfolglos Regeländerungen durchgeführt, die mehr Tore bringen sollten, um den Sport attraktiver zu machen. Aber stimmt es überhaupt, dass Fußball mit mehr Toren attraktiver wäre?

Nein. Der weltweite Erfolg des Fußballs belegt das bereits: Wenn mehr Tore eine Ballsportart attraktiver machen, warum ist dann ausgerechnet diejenige mit den mit Abstand wenigsten Toren pro Spiel fast auf der ganzen Welt Sportart Nummer 1?

Tatsächlich ist die geringe Torausbeute mitnichten eine Schwäche des Fußballs, sondern vielmehr eine seiner großen Stärken.

Ein oft genannter Vorzug eines Sportspiels mit wenigen Toren ist, dass ein einzelnes Tor besondere Begeisterung hervorrufen kann, während es in einem Spiel mit zahlreichen Treffern emotional entwertet ist. Einfacher ausgedrückt: Ein Tor im Fußball ist ein Höhepunkt und ein tolles Gefühl, während ein Tor beim Handball wenig Euphorie auslöst – es werden ja noch etwa 50 weitere fallen. Das ist zwar korrekt und sicher auch ein Aspekt der großen Attraktivität des Fußballs, doch entscheidender ist wohl ein gerne übersehener Faktor: Je weniger Tore in einem Spiel fallen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Überraschung. Denn ein Außenseiter kann ein Spiel gewinnen oder wenigstens unentschieden spielen, wenn er irgendwie einen einzelnen Ball über die gegnerische Torlinie drückt.

Der Physikprofessor Metin Tolan erklärt das mit folgender Rechnung: Angenommen, die bessere Mannschaft in einem Ballspiel ist doppelt so stark wie der Gegner. Dann hat sie mathematisch gesehen zu jedem Zeitpunkt eine Wahrscheinlichkeit von 2 zu 3, das nächste Tor zu erzielen. Die schwächere Mannschaft hat aber immer noch eine Chance von 1 zu 3 auf den nächsten Treffer. Fällt in diesem Ballspiel nur ein Tor, beträgt die Chance auf einen 1:0-Sieg des Außenseiters also immerhin 1/3, rund 33%. Mit jedem Tor mehr, das in dem Spiel erzielt wird, sinkt die Chance auf einen Außenseitersieg beträchtlich, da es ja bei jedem einzelnen Tor wahrscheinlicher ist, dass es von der stärkeren Mannschaft erzielt wird. Bei drei Toren (wie sie in einem durchschnittlichen Fußballspiel fallen), hat eine Mannschaft, die gegen einen doppelt so starken Gegner spielt, noch eine Siegchance von 26%. Im Handball fallen rund 50 Tore pro Spiel, eine Mannschaft, die gegen einen doppelt so starken Gegner spielt, hat daher nur noch eine Siegchance von 0,007% - also praktisch gar keine.

Handball ist somit der „gerechtere“ Sport, aber spannend ist etwas, von dem man nicht weiß, wie es ausgeht, und auf diesem Gebiet ist der Fußball dem Handball weit überlegen.

Von allen großen Ballsportarten ist Fußball mit Abstand die, in der die wenigsten Punkte erzielt werden. Gleichzeitig ist er weltweit die beliebteste Ballsportart. Das ist kein Widerspruch – was ja der Fall wäre, wenn mehr Tore ein Spiel attraktiver machen würden – sondern hängt eng zusammen.

Die durchschnittliche Zahl der Tore beim Fußball ist annähernd ideal – ausreichend, um das Ergebnis nicht völlig unabhängig von der Spielstärke zu machen (und genug, dass die Fans in fast jedem Spiel ein Tor zu sehen bekommen), aber so gering, dass der Außenseiter noch eine reelle Chance hat.  

Übrigens sind viele Experten für Sport in den USA der Ansicht, dass die wenigen Tore als Grund für die amerikanische Fußballabneigung nur vorgeschoben sind. In Wirklichkeit seien die Amerikaner zum einen als Volk patriotischer Erfinder und Tüftler eher für in Amerika erfundene Sportarten wie American Football und Baseball zu begeistern, zum anderen herrscht in der amerikanischen Volksseele eine große Abneigung gegen eine bestimmte Form des Betrugs – das Schauspielern und Erjammern einer Strafe für den Gegner –, die  von der im europäischen und südamerikanischen Fußball als Teil des Spiels akzeptierten Schwalbe geradezu exemplarisch verkörpert wird. Anders formuliert: Während wir Europäer uns über die gelegentliche Schauspieleinlage ein bisschen ärgern, aber das restliche Spiel genießen, sind die Amerikaner davon derart angewidert, dass sie die ganze Sportart ablehnen…  

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