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IRRTUM: Verletzungsmiseren sind reines Pech

 Am Ende der Saison 2020/2021 stieg Schalke 04 hoffnungslos abgeschlagen aus der Bundesliga ab. Es war wohl eine der schlimmsten Saisonleistungen der Bundesliga-Geschichte – nur 18 Punkte holten die Schalker (Mitabsteiger Werder Bremen hatte fast doppelt so viele, 31), das Torverhältnis lag bei -61 (Bremen war mit -21 Toren um 40 Tore besser). Wie war dieses Desaster zu erklären? Nicht, dass Vorstand, Trainer und Spieler von den Fans in Schutz genommen worden wären, aber trotzdem sahen viele Anhänger einen Faktor, auf den niemand hätte Einfluss nehmen können: Schalke war von großem Verletzungspech geschlagen worden. Insgesamt 2245 Ausfalltage hatten die Schalker Spieler in der Saison laut der Website fussballverletzungen.com gesammelt, im Schnitt 60,68 pro Spieler[i]. Zahlreiche Leistungsträger fehlten lange und/oder immer wieder, man konnte eigentlich nie mit der Wunschaufstellung auflaufen. Hätte man nicht derart großes Verletzungspech gehabt, dann wäre die Saison bestimmt anders verlaufen. Und für Pech kann nun wirklich niemand etwas.

Noch immer gibt es nicht nur unter den Fans, sondern auch unter vermeintlichen Experten und in den Medien die Tendenz, Verletzungsserien als Schicksalsschläge zu betrachten, eben als „Verletzungspech“. Völlig ohne eigenes Verschulden werden die betreffenden Mannschaften geschwächt – so unfair kann Fußball sein!

Aber in Wahrheit sind die allermeisten Verletzungen – und erst recht große Verletzungsserien – hausgemachte Probleme[ii].  Laut der Stiftung Sicherheit im Sport gehen fast alle Sportverletzungen auf vermeidbare Faktoren zurück: Zu hohe Intensitäten, Übertraining, Nichtbeachtung körperlicher Warnsignale etc. Verschiedene Studien belegen, dass die Hauptursachen für Verletzungen im Fußball Vorverletzungen, inadäquate Rehabilitationszeiten und schlechtes Belastungsmanagement sind[iii].

Schlechtes Belastungsmanagements äußert sich auch im Profibereich immer wieder in zwei Extremen: Entweder wird zu wenig und zu locker trainiert, so dass die Spieler körperlich und mental nicht auf die Belastungen der Spiele vorbereitet sind – oder zu hart, so dass die Spieler mit Ermüdungserscheinungen in die Spiele gehen. Beides erhöht das Verletzungsrisiko massiv. Selbst vermeintlich unausweichliche Verletzungen, etwa nach einem schweren Foul, hätten durch eine korrekte Vorbereitung oft vermieden oder wenigstens abgeschwächt werden können[iv].

Die inadäquaten Rehabilitationszeiten sollten auch dem größten Anhänger der „Verletzungspech“-Mär nachvollziehbar sein: Um schnellstmöglich wieder die beste Mannschaft auf den Platz zu bringen, setzen die Trainer verletzte Spieler oft zu früh wieder ein – und die nicht ausreichend verheilte Verletzung bricht wieder auf.

Bei Mannschaften mit großem „Verletzungspech“ läuft etwas schief. Ein besseres Training, insbesondere im Athletikbereich, und eine bessere Abstimmung zwischen Trainer, Athletiktrainern, Ärzten und Management könnten die Situation vermutlich verbessern.

Und wie war das jetzt bei Schalke in der Saison 2020/2021? Genaues geben die Vereine ja leider nicht heraus, aber offenbar herrschte Chaos gerade im Athletik- und Präventionsbereich, mit diversen Entlassungen und anderen Unruhen. Schalke-Bloggern fiel ein geradezu absurdes Phänomen auf: Es schien Spielern zu helfen, nicht am Mannschaftstraining teilzunehmen. So war Nabil Bentaleb über mehrere Monate suspendiert und trainierte für sich alleine. Als die Suspendierung aufgehoben wurde, war er topfit. Nach nur einer Woche im Mannschaftstraining fiel er verletzt aus. Neuzugang Skohdran Mustafi war so lange fit, wie er nach seinem Wechsel noch nicht voll ins allgemeine Training eingestiegen war. Kaum nahm er am Training teil, verletzte er sich und fiel aus. Klaas-Jan Huntelaar kam mit einer überzeugenden Verletzungsbilanz aus Amsterdam: Bei Ajax hatte er in fünf Jahren nur fünf Spiele wegen Verletzungen verpasst. Kaum war er auf Schalke eingetroffen, wurde er zum Dauerpatienten und machte insgesamt nur noch neun Spiele. Irgendetwas schien im Training gewaltig schiefzulaufen.

Und natürlich wurde den Spielern keine ausreichende Rehabilitationszeit gegönnt. Salif Sané z.B. wurde, nachdem noch im November 2020 ein langer Ausfall wegen Knieverletzungen angekündigt worden war, im Dezember überraschend in englische Wochen geworfen und spielte in sechs Tagen dreimal über 90 Minuten. Danach fiel er lange aus. Suat Serdar setzte wegen Oberschenkelproblemen eine Partie aus, wurde in der nächsten wieder von Beginn an eingesetzt – und musste nach 22 Minuten ausgewechselt werden. Es folgte eine Zwangspause von fünf Spielen[v] [vi].

Die Verletzungsmisere von Schalke 04 war kein Pech, sondern Eigenverschulden – wie eigentlich immer in solchen Fällen… 

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