Viele Fans der Fußball-Videospielreihe FIFA (seit neustem EA Sports FC) von EA Sports glauben, dass sie durch eine versteckte Funktion im Spiel betrogen werden, das sogenannte Momentum (manchmal auch als Handicap oder Script bezeichnet). Kurz gesagt behauptet der Mythos: Es gibt in den Spielen ein geheimes Programm, das in bestimmten Momenten aktiviert wird und gegen den bisherigen Spielverlauf eine Entscheidung herbeiführt. Die virtuellen Kicker des bis dahin überlegenen Spielers gewinnen dann keine Zweikämpfe mehr, bringen keine Pässe mehr zum Mitspieler und keine Schüsse mehr aufs Tor. Der bis dahin schwächere Spieler bzw. der Computer-Gegner hingegen kann sich über einen Boost freuen, seine Spieler sind plötzlich zu Wundertaten fähig und seine Spielzüge werden durch ein festgelegtes Script so gesteuert, dass sie ständig zu Torerfolgen führen. Am Ende verspielt der bessere Spieler seine anfangs komfortable Führung und verliert die Partie völlig zu Unrecht.
Obwohl EA Sports seit Jahren bestreitet, dass eine solche Funktion existiert, sind buchstäblich Millionen FIFA-Spieler fest davon überzeugt; es handelt sich wohl mit Abstand um die verbreitetste Videospiel-Verschwörungstheorie.
Aber es gibt kein Momentum in FIFA.
Das kann man sich eigentlich auch ganz leicht selbst herleiten. Es grenzt ans Unmögliche, ein derart komplexes Spiel wie FIFA so zu programmieren, dass ein eigentlich schwächerer Spieler mit gescripteten Ereignissen zum Sieg geführt wird, ohne dass seine eigenen oder die gegnerischen Eingaben sich auf das Spiel auswirken. EA-Entwickler Aaron Hardy sagt dann auch: „“Wenn ich wüsste, wie ich diesen Algorithmus entwerfen sollte, dann wäre ich ein Gott unter den Entwicklern![i]“.
Wenn man bedenkt, dass die oft schwache Künstliche Intelligenz, der es schwerfällt, sich auf den realen Gegner einzustellen, seit jeher einer der Hauptkritikpunkte an der FIFA-Reihe ist, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass gleichzeitig eine nahezu perfekte „geheime“ KI existiert.
Zudem stellt sich die Frage nach dem Nutzen eines solchen Momentums. Bevor die FIFA-Reihe in Online-Spiele und Bezahlinhalte einstieg, nahmen die Gamer an, der Algorithmus solle schwächere Spieler bei Laune halten, damit sie dem Spiel treu blieben. Aber warum sollten die Entwickler riskieren, die besseren Spieler zu frustrieren und wohlmöglich zu vergraulen, nur um den schwächeren die eher kleine Freude eines unverdienten Sieges zu verschaffen? Auch die These, die vermeintliche Funktion solle das Spiel realistischer machen – schließlich gäbe es ja auch im realen Fußball ein solches Momentum –, kann man getrost verwerfen: Warum sollten die Entwickler die Existenz eines den Realismus erhöhenden Features abstreiten?
Seit man FIFA vor allem online spielt und sein Team durch Echtgeldkäufe verstärken kann, werden natürlich monetäre Beweggründe unterstellt. Wie genau EA finanziell von der Spielmanipulation durch ein geheimes Momentum profitieren soll, konnte aber bisher niemand überzeugend darlegen. Die Behauptung, die Gamer sollten durch unverdiente Niederlagen dazu angehalten werden, mehr Geld für bessere virtuelle Kicker auszugeben, macht logisch betrachtet zumindest wenig Sinn – das Momentum würde ja im Gegenteil den Besitz von besseren Spielern als nicht lohnend erscheinen lassen…
Demgegenüber steht der Imageschaden, den EA erleiden würde, wenn ein geheimes Momentum nachgewiesen werden könnte. Die FIFA-Reihe wäre wohl erledigt, zumindest im Bereich e-Sports. Ein Grund, warum die Entwickler das riskieren sollten, ist nicht ersichtlich.
Mittlerweile kann man aber all diese Überlegungen ohnehin zu den Akten legen. Die Frage nach dem Momentum ist, zumindest für die aktuellen Versionen des Spiels, eindeutig geklärt. Im November 2020 klagten drei kalifornische Gamer gegen das vermeintliche Momentum. Vor Gericht legte EA ausführlich technische Informationen vor, die bewiesen: Es gibt kein Momentum in FIFA. Die Klage wurde fallengelassen[ii].
Bleibt nur noch die Frage: Warum sind zahlreiche Gamer so überzeugt von der Existenz des Momentums?
Da ist zum einen der Zufallsfaktor im Spiel. Um den Realismus zu erhöhen, sind zahlreiche Situationen einer gewissen Unvorhersehbarkeit unterworfen. Zum Beispiel kann eine Ballannahme gelingen, aber auch zufällig verspringen – wie auch im echten Leben ist das unwahrscheinlicher, je besser der betreffende Spieler ist, unmöglich ist es aber nie. Und wie das mit Zufallsereignissen so ist: Manchmal treffen sie gehäuft ein, zumindest gefühlt. So kann durchaus der Eindruck entstehen, dass plötzlich ohne erkennbaren Grund gar nichts mehr klappt.
Aber die Hauptursache für den festen Glauben an das FIFA-Momentum dürfte in der menschlichen Psyche liegen. Man gibt sich sehr ungern für einen Misserfolg selbst die Schuld; lieber sucht man sich einen Sündenbock. Wer eher glücklich 3:0 führt, aber eigentlich nicht so gut ist, wie er glaubt, dann den Anschlusstreffer kassiert, nervös wird und einbricht, der sucht gerne die Schuld bei einem ungerechten Algorithmus im Spiel und zieht sich selbst aus der Verantwortung.
Das FIFA-Momentum ist also letztendlich nichts anderes als der „parteiische Schiedsrichter“ im realen Fußball – Selbsttäuschung.
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