Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Never change a winning team

 Auf Englands Weltmeistertrainer Alf Ramsey geht eine der populärsten Fußball-Weisheiten zurück: „Never change a winning team“, ändere niemals eine Mannschaftsaufstellung, die Erfolg hat. Ramsey holte damit tatsächlich den Titel, aber ist es grundsätzlich ein guter Ratschlag?

Drei Aspekte sollten dem Trainer sofort zu denken geben:

1. Da man im Laufe einer Saison oder eines Turniers gegen unterschiedliche Gegner spielt, könnten auch unterschiedliche Taktiken hilfreich und unterschiedliche Spielerfähigkeiten gefragt sein. Mit einer in Stein gemeißelten Aufstellung schränkt man seine Möglichkeiten unnötig ein.

2. Wenn die weiteren Spieler im Kader kaum Chancen sehen, eingesetzt zu werden, egal wie gut sie im Training sind und egal, ob ein einzelner Stammspieler im letzten siegreichen Spiel vielleicht eher schlecht ausgesehen hat, könnte sich das negativ auf deren (Trainings-)Motivation und die Stimmung im gesamten Team auswirken.

3. Da in der Regel im Laufe einer Saison mit Sperren und Verletzungen zu rechnen ist, ist es vermutlich gar nicht möglich, dauerhaft auf das eine Erfolgsteam zu setzen. Müssen dann aber die Reservespieler ran, sind die nicht eingespielt. Und die Stammmannschaft ist wohlmöglich demoralisiert, nachdem sie längere Zeit auf eine identische Aufstellung geprägt war.

Diese Überlegungen sollten die Wahrheit des Spruches bereits in Zweifel ziehen. Aber gibt es auch statistische Daten zu dem Thema? Klar – und die besagen: Wenn eine Mannschaft nach einem Sieg unverändert in die nächste Partie geht, hat sie eine Siegchance von etwa 36%. Ändert sie hingegen die Aufstellung, beträgt die Siegchance… 36%[i]! Es gibt keine statistisch erkennbaren Vor- oder Nachteile der „Never change a winning team“-Logik.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Es gibt keinen Bayernbonus, und Fehlentscheidungen gleichen sich im Laufe einer Saison aus

  Zu den meistdiskutierten Phänomenen in der deutschen Bundesliga gehört zweifelsohne der sogenannte „Bayern-Bonus“. Der Vorwurf der Fans aller deutschen Vereine außer dem FC Bayern München: Die Bayern genießen einen besonderen Schutz, ja nachgerade eine Unterstützung durch die Schiedsrichter. Fällt ein Bayernspieler im gegnerischen Strafraum, dann gibt es sofort Elfmeter; im Strafraum der Bayern kann dagegen nach Belieben und folgenlos gezogen und getreten werden. Wer gegen Bayern spielt, sieht für ein gelbwürdiges Foul gerne mal Rot, wer für Bayern spielt dagegen auch für klar rotwürdige Fouls schlimmstenfalls Gelb. Und führen die Bayern dann am Ende der 90 Minuten knapp, wird sofort abgepfiffen; liegen sie hingegen knapp zurück, wird das Spiel so lange verlängert, bis sie endlich zum Ausgleich treffen. Bayernfans und -funktionäre bezweifeln diese Sicht naturgemäß, schieben sie auf Neid und Missgunst und behaupten, einzelne Fehlentscheidungen glichen sich im Laufe einer Saiso...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...