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IRRTUM: Ausländer in der Liga schaden der Nationalmannschaft

 Wann immer die englische Nationalmannschaft bei einem großen Turnier früher ausscheidet als erwartet, wird von vermeintlichen Experten die gleiche These verbreitet: Die vielen Ausländer in der Premier League schwächen die Nationalmannschaft. Denn schließlich nähmen die fremden Spieler den einheimischen Talenten die Plätze in den Mannschaften weg. Mehmet Scholl war in seiner Zeit als Fernsehexperte ein besonders fleißiger Verbreiter dieser Behauptung, die, wenn man mal kurz darüber nachdenkt, eine unangenehme Nähe zu rechten Mythen über Arbeitsplätze stehlende Zuwanderer hat. Aber ist vielleicht trotzdem etwas dran?

Eine aktuelle Statistik stellt das in Frage: In der Saison 2020/2021 war von den fünf großen europäischen Ligen die italienische die, in der einheimische Spieler auf die geringste Spielzeit kamen – nur 35,5% der Gesamtspielzeit aller Spiele in der Liga wurde von Italienern bestritten. Engländer kamen in der Premier League auf 38%, Deutsche in der Bundesliga auf 40,8%. Franzosen erreichten in ihrer heimischen Liga 51,9%, Spanier in Spanien sogar 60,6%[i]. Im EM-Finale standen in jenem Jahr Italien und England – die beiden Nationen mit den geringsten Liga-Einsatzzeiten für heimische Spieler. Italien, der statistisch Letzte, gewann. Man könnte dagegenhalten, dass Italien anschließend zum zweiten Mal in Folge in der WM-Qualifikation scheiterte, aber insgesamt lässt sich sicher dennoch festhalten: Der plumpe Zusammenhang „Wenige heimische Spieler in der Liga = Misserfolge der Nationalmannschaft“ lässt sich nicht generell herleiten.

Das wäre auch überraschend. Denn eine Liga mit vielen starken ausländischen Spielern bietet den heimischen Talenten auch Vorteile. 38% der Einsatzminuten in der Premier League sind ja immer noch nicht wenig, und diese Einsatzzeit findet in der stärksten Liga der Welt statt. Englische Spieler sammeln ihre Spielerfahrung also auf einem enorm hohen Level, das in Ligen mit weniger starken Ausländern gar nicht gegeben ist. Das sollte die Nationalmannschaft stärken, denn schließlich ist Erfahrung auf einem Topniveau einer der besten Wege, sich fußballerisch zu verbessern.

Und wie ist es mit dem Nachwuchs? Wird nicht der Nachwuchs blockiert, wenn die Vereine lieber ausländische Spieler einkaufen? In England ist davon nichts zu merken, derzeit ist der englische Nachwuchs hervorragend – was sicherlich auch daran liegt, dass englische Nachwuchsspieler fleißiger an sich arbeiten müssen, um gegen die ausländische Konkurrenz zu bestehen.

Bei der EM 2021 stellte England mit einem Durchschnittalter von 25,3 Jahren hinter der Türkei die zweitjüngste Mannschaft und erreichte mit diesem Team das Finale. Offenbar hatten die Engländer weniger Probleme damit, starke Talente aufzutreiben als z.B. die Deutschen (Durchschnittsalter 27,6 Jahre) oder die Franzosen (27,9 Jahre), die weniger Ausländer in ihren Ligen einsetzen[ii].

In der Liste der aufregendsten Nachwuchsspieler 2022 von goal.com stehen acht Engländer, England ist damit die deutlich am stärksten vertretene Nation (den zweiten Platz teilen sich Frankreich und Brasilien mit je fünf Talenten). Der Erstplatzierte, also der nach Einschätzung von goal.com vielversprechendste Nachwuchsspieler der Welt, ist der Engländer Jude Bellingham[iii]. Alle diese Talente wurden im englischen Fußball, wo sie ja angeblich kaum zum Zug kommen, ausgebildet; außer Bellingham, der mittlerweile bei Borussia Dortmund spielt, sind sie alle auch weiterhin in England im Einsatz. Der bestbewertete deutsche Nachwuchsspieler, Jamal Musiala, ist zudem im Prinzip auch ein englisches Talent – er wurde in England entdeckt, ausgebildet und gefördert, bevor er zu Bayern München wechselte und sich entschied, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen…

Eine starke Liga mit vielen hervorragenden Akteuren aus aller Welt ist also für eine Nationalmannschaft eher ein Vorteil denn ein Nachteil.

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