Es gibt ein vorherrschendes Bild des gemeinen Fußballfans: Er hat sich als Kind oder Jugendlicher in „sein“ Team – meist einen lokalen Klub – „verliebt“ und bleibt ihm treu bis an sein Lebensende. „Du kannst deinen Job wechseln, du kannst deine Frau wechseln, aber du kannst nicht dein Team wechseln“, sagte Rick Parry, der damalige Chief Executive der englischen Premier League einst, ein Spruch, der weltweit noch in vielen ähnlichen Varianten existiert. Die meisten Fans würden von sich behaupten, dass sie solche loyalen Anhänger seien – und dass die Erfolgsfans, die Schönwetterfans[1] und die „polygamen“ Fans (die mehrere Teams unterstützen) in der Unterzahl und außerdem keine „echten Fans“ seien. Aber ist das so?
Der „normale“ Fan (also der Nicht-Hooligan) ist noch immer erstaunlich wenig untersucht. Trotzdem haben wir genug Daten, um das romantische Bild des Fußballfans eindeutig zu widerlegen.
Fangen wir mit der Anhängerschaft zum lokalen Klub an. Die Vorstellung ist leicht mit einer allgemein bekannten Statistik zu widerlegen: Rund jeder vierte fußballinteressierte Deutsche ist Fan von Bayern München. 2012 waren es 26% der Fußballfans, was auf eine Gesamtzahl von etwa neun Millionen Bayernfans in Deutschland schließen lässt[i]. München hat nur etwa 1,4 Millionen Einwohner und zudem ja noch einen zweiten bekannten Fußballverein, 1860 München. Der Schluss liegt also nahe, dass zahlreiche Bayernfans aus anderen deutschen Gegenden kommen – was ja auch die Erfahrung bestätigt. Ähnliche Zahlen gibt es auch in den anderen großen Ligen; in Ländern mit sehr kleinen Ligen (z.B. Norwegen oder Irland) gibt es oft mehr Anhänger englischer Vereine als solche heimischer Mannschaften.
Und die ewige Treue? Hier schätzen sich viele Fans selbst falsch ein.
Zwischen 1994 und 1998 analysierte der Wirtschaftswissenschaftler Alan Tapp das Verhalten der Anhänger eines stetig gegen den Abstieg kämpfenden Premier-League-Klubs. 87% der von Tapp befragten Fans bezeichneten sich als „loyale Vereinsanhänger“. Trotzdem sank der Zuschauerschnitt innerhalb der vier Jahre der Studie von 24.000 auf 16.000 – es müssen also mehr als nur die 13%, die sich selbst nicht für besonders loyal hielten, abgesprungen sein. Selbst von den 8000 Dauerkarten-Inhabern, normalerweise als die fanatischsten Fans betrachtet, verlängerten pro Saison etwa 1000 ihre Karte nicht für das nächste Jahr[ii]. Und ganz ehrlich: Welcher Fußballfan kennt das nicht aus eigener Erfahrung? Manchmal sind es persönliche Lebensereignisse – ein neuer Partner, ein neuer Job, Kinder, manchmal sogar einfach ein neues Hobby – die das Interesse am Fußball schwinden lassen. Eine große Rolle spielen aber natürlich auch die Leistungen der Mannschaft.
Es sind nämlich nicht wenige Fans, die sich tatsächlich als klassische Konsumenten nach dem besten Angebot umsehen. Bei fast allen Fußballvereinen steigen die Zuschauerzahlen und auch z.B. die Erträge aus Merchandising mit einer besseren Position in der Liga – und sinken, wenn der Verein in der Tabelle absteigt. Bei plötzlichem Erfolg steigen die Zuschauerzahlen rapide an – berühmter Fall in Deutschland ist der FSV Mainz, der noch in der Saison 2000/2001 als grauer Zweitligist einen Zuschauerschnitt von 6.042 hatte, dann mit stetig besseren Leistungen auch an Zuschauern gewann, in der Aufstiegssaison 2003/2004 bereits einen Schnitt von 14.809 aufweisen konnte und schließlich in der ersten Bundesliga-Saison, 2004/2005, den damaligen Rekordschnitt von 20.159 Zuschauern erreichte[iii].
Noch massiver als die Zuschauerzahlen schießen in solchen Fällen die Zahlen derjenigen in die Höhe, die nicht unbedingt ins Stadion gehen, sich aber als Fan des betreffenden Vereins bezeichnen. In den ersten fünf Jahren, nachdem Roman Abramowitsch den FC Chelsea übernommen hatte und begann, den vorher schwächelnden Klub mit Millioneninvestitionen zum Spitzenverein zu verwandeln, wuchs die Zahl der erklärten Chelsea-Fans um 523% an. Am höchsten war sie 2006 – Chelsea hatte gerade zum zweiten Mal in Folge die Meisterschaft gewonnen, und 3,8 Millionen Briten behaupteten von sich, Chelsea-Fans zu sein. So hoch stieg die Zahl nie zuvor und auch nie wieder danach.
Neben dem Vereinsfan, der sich lebenslang an seinen Klub bindet, und dem Erfolgsfan, der sich nach dem besten Verein umsieht, gibt es zudem noch andere Modelle des Fandaseins, die wenig Presse bekommen, aber sehr häufig sind. Alan Tapp identifizierte in seiner Studie eine Gruppe, die er „carefree casuals“ nannte, „sorglose Gelegenheitszuschauer“. Diese Fans fühlen keine besondere Loyalität zu einem Verein, sondern schauen einfach gerne Fußball – wer spielt, ist nicht so wichtig.
In den letzten Jahren wächst zudem der Anteil der „Spielerfans“, die einen bestimmten Spieler bewundern und immer zu dem Verein halten, bei dem dieser Spieler gerade spielt.
Und zu guter Letzt gibt es noch den „polygamen“ Fan. Kevin Moore, Experte für Fußballgeschichte, schreibt, dass es in England seit jeher üblich ist, neben dem englischen Lieblingsverein noch einen schottischen Verein zu unterstützen – oft einfach nach dem Klang des Namens ausgewählt. Dazu kommt noch ein Premier-League-Verein, falls der eigentliche Lieblingsverein in einer unteren Liga spielt. Analog dazu sind dem Autoren dieses Beitrags viele Fans von deutschen Zweit- und Drittligavereinen bekannt, die nebenbei noch einen Lieblingsverein in der Bundesliga haben. Mit der wachsenden internationalen Reichweite des Fußballs haben viele zudem auch noch einen spanischen, italienischen, französischen Lieblingsverein. Wer mehrmals umzieht oder sich im Urlaub auch mit dem lokalen Fußball beschäftigt, sammelt im Laufe des Lebens oft noch viel mehr lokale „Lieblingsvereine“.
Der Autor dieses Blog-Eintrags ist sein Leben lang Fan des HSV, unterstützt aber aufgrund der Herkunft seiner Familie aus der Schleswig-Holsteinischen Stadt Heiligenhafen noch den TSV Heiligenhafen sowie die beiden größten Klubs aus Schleswig-Holstein, Holstein Kiel und VfB Lübeck. Außerdem Newcastle United aus England (der Lieblingsspieler meiner Kindheit, Alan Shearer, spielte dort), die San Jose Earthquakes aus den USA (mir gefiel der Name, deshalb habe ich sie früher oft im Fußball-Manager-Spiel übernommen), den Stirling FC aus Schottland (nach einem besonders schönen Urlaub in Stirling), Viking Stavanger aus Norwegen und Malmö FF aus Schweden (weitere Urlaubsliebschaften) und den liechtensteinischen FC Vaduz, der in der Schweiz antritt (Liechtenstein finde ich lustig).
Die besessenen Fans, deren Lieblingsverein ihr Hauptlebensinhalt ist – sie existieren, aber sie sind deutlich in der Unterzahl. Und sie haben kein Recht, sich als die einzig wahren Fans zu betrachten.[1] Was ist der Unterschied zwischen einem Erfolgsfan und einem Schönwetterfan? Der Erfolgsfan wechselt seine Lieblingsmannschaft, wenn der Erfolg ausbleibt, und sucht sich ein „besseres“ Team. Der Schönwetterfan lässt sein Lieblingsteam ebenfalls im Stich, sobald es erfolglos ist, sucht sich aber kein neues Team, sondern kehrt zurück, sobald die Zeiten besser sind…
Kommentare
Kommentar veröffentlichen