Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Es ist unfair, die Spiele einer Mannschaft, die aus der laufenden Saison aussteigt, zu annulieren

 Der hoffnungslos abgeschlagene Verein Türkspor Dortmund zieht sich heute im laufenden Spielbetrieb aus der Regionalliga West zurück. Was passiert nun mit den noch ausstehenden Spielen?

Die Regeln des DFB sehen vor, dass die gesamte Saison des Vereins annuliert wird, d.h. die Punkte, die Gegner in vorherigen Spielen geholt haben, verfallen. Dasselbe passierte bereits 2022, als Türkgücü München in der laufenden Regionalligasaison 2021/2022 Insolvenz anmelden musste.

Passiert so etwas, dann ist das Geschrei in den sozialen Medien groß: Wettbewerbsverzerrung! Denn die Vereine, die gegen den Aussteiger gewonnen haben, verlieren ja ihre Punkte! Wäre es nicht gerechter, den noch ausstehenden Gegnern einfach kampflos drei Punkte gutzuschreiben? Oder gar, wie vereinzelt vorgeschlagen wurde, einen Durchschnittswert aus allen Punkten, die im bisherigen Saisonverlauf gegen den Aussteiger geholt wurden?

Nein. Die Annulierung sämtlicher Spiele ist statistisch gesehen absolut fair und die einzige nicht wettbewerbsverzerrende Lösung. Es ist überraschend, dass viele Fans sich mit dieser Erkenntnis so schwer tun, denn statistisch gesehen, ist es ganz einfach:

Wenn niemand die Möglichkeit hat, gegen Verein X zu punkten, dann hat auch niemand einen Nachteil dadurch, diese Punkte nicht zu haben!

Punkte, die nicht zu holen waren, können auch niemandem fehlen. So simpel ist es - eine absolute Gleichbehandlung aller Beteiligten, und für die Ligatabelle bedeutet das, dass nur die Vereine Einfluss darauf nehmen, die auch jedes Spiel gespielt haben.

Was wäre denn aber, wenn stattdessen alle ihre Punkte behalten und man den Gegnern, die nicht mehr zu ihren Spielen gegen den Aussteiger kommen, jeweils kampflos drei Punkte gutschreiben würde?

Nun - das wäre wirklich unfair und wettbewerbsverzerrend. Den dann bekommen Mannschaften Punkte geschenkt, ohne Leistung zu erbringen - während andere Mannschaften, die spielen mussten und nicht gewinnen konnten, diese Punkte nicht haben, einzig und allein, weil sie das Pech hatten, früher in der Saison gegen den Aussteiger antreten zu müssen. Noch unfairer wäre lediglich der Vorschlag, den ausstehenden Gegnern einen Durchschnittswert an Punkten zuzuteilen. Nun wären sowohl die Mannschaften benachteiligt, die gespielt und verloren haben (denn andere bekommen kampflos Punkte, die sie verloren haben) als auch die Mannschaften, die nicht mehr spielen konnten (denn ihnen bleibt die Chance, die vollen drei Punkte zu holen, die alle anderen Teams hatten, verwehrt).

Die Annulierung der Spiele ist die einzig faire Vorgehensweise und statistisch gesehen eine absolute Gleichbehandlung aller Beteiligter (man kann argumentieren, dass tatsächlich die Mannschaften, die gespielt haben, einen kleinen Nachteil haben - sie mussten mit den Folgen von Spielen, die es am Ende statistisch nicht gab, leben, etwa Erschöpfung oder teilweise auch Verletzungen und Sperren).

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...