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IRRTUM: Es gab ein "Todesspiel" - ukrainische Fußballer wurden nach einem Sieg gegen ein Nazi-Team hingerichtet

 Eine finstere Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg hat ursprünglich in der ehemaligen Sowjetunion und mittlerweile weltweit Verbreitung gefunden, eine Geschichte über kriegsgefangene Fußballer, die für die Ehre der Ukraine spielten und dafür hingerichtet wurden. Sie wird meist etwa so erzählt: Nach der Eroberung der Ukraine durch Nazideutschland gerieten einige der besten Fußballer des Landes in Kriegsgefangenschaft. Sie bildeten eine Fußballmannschaft und schlugen diverse Klubs der Umgebung, meist deutlich. Daraufhin stellten die Nazis ihrerseits eine Mannschaft auf und forderten die Ukrainer zu einem Spiel heraus – mit dem Ziel, die deutsche Überlegenheit zu demonstrieren. Schon vor dem Spiel wurde versucht, die Ukrainer einzuschüchtern. Dennoch, und obwohl der Schiedsrichter sie deutlich benachteiligte, führten sie zur Halbzeit mit 3:1. In der Pause kam ein SS-Offizier in die Kabine des ukrainischen Teams, forderte die Spieler auf, die Partie zu verlieren und drohte mit harten Strafen im Falle eines Sieges. Doch die Ukrainer ließen sich nicht beeindrucken und siegten 5:1. Daraufhin wurden die Spieler direkt nach dem Abpfiff verschleppt und entweder gleich erschossen oder in Arbeitslager geschickt, in denen sie gezielt schikaniert, unterernährt und überbeansprucht wurden, bis praktisch das gesamte Team ums Leben gekommen war.

Doch wie viel von dieser Geschichte stimmt wirklich? Nach dem Ende der Sowjetunion begannen Historiker, dem sogenannten „Todesspiel“ nachzuspüren, und fanden heraus: Fast alles, was über die Partie erzählt wird, ist fiktiv. Es handelt sich im Wesentlichen um sowjetische Propaganda.

Zunächst einmal war die Mannschaft, die sich FK Start nannte, keine Mannschaft eines Kriegsgefangenenlagers, sondern die Betriebsmannschaft einer Kiewer Bäckerei. Der Bäckereibesitzer, Iosif Kordik, bemühte sich, möglichst viele Männer einzustellen, die vor Kriegsbeginn für das von den Nazis aufgelöste Dynamo Kiew gespielt hatten, und so stellte die Bäckerei bald eins der besten Teams vor Ort[i]. Im Juni und Juli 1942 spielte der FK Start mindestens sieben Partien gegen andere Betriebsmannschaften, neugegründete Vereine und Auswahlteams des mit Deutschland verbündeten ungarischen Militärs und gewann alle. Anfang August stand dann ein Match gegen die sogenannte „Flakelf“, die Auswahl deutscher Soldaten des Luftabwehrdienstes vom Kiewer Flughafen Boryspil, auf dem Programm. FK Start gewann 5:1, und die Deutschen forderten Revanche. So wurde drei Tage später eine zweite Partie zwischen FK Start und einer „verstärkten“ Flakelf angepfiffen. Diesmal siegten die Ukrainer 5:3. Daran, dass die Ukrainer bedroht worden seien oder der Schiedsrichter offen parteiisch agiert habe, konnte sich später keiner der Start-Spieler erinnern[ii], im Gegenteil soll die Atmosphäre freundschaftlich und entspannt gewesen sein. Direkt nach dem Spiel gab es keinerlei Verhaftungen oder gar Morde, die Start-Spieler feierten ihren Sieg mit Wodka. Eine Woche später bestritt dieselbe Mannschaft noch ein Spiel gegen einen anderen lokalen Verein, das ebenfalls gewonnen wurde. Einige Tage darauf jedoch wurden die ehemaligen Dynamo-Spieler aus der Mannschaft des FK Start festgenommen. Offiziell war der Verdacht der Sabotage Grund für die Verhaftungen, und das ist laut ukrainischen Historikern ein plausibler Grund: Dynamo Kiew war offiziell die Sportmannschaft des sowjetischen Innenministeriums, alle Dynamo-Spieler waren Mitglieder des Ministeriums und so potentielle Agenten. Die Start-Spieler, die vor dem Krieg nicht bei Dynamo waren, wurden nicht behelligt.

Im Februar 1943 wurden mehrere Häftlinge des KZ Syrez erschossen, darunter drei Spieler des FK Start: Nikolai Trussewitsch, Olexij Klimenko und Iwan Kusmenko. Der Grund für die Strafaktion wurde von verschiedenen Zeitzeugen unterschiedlich angegeben, hatte aber in jedem Fall nichts mit Fußball zu tun. Die übrigen Spieler überlebten den Krieg; nach der Rückeroberung Kiews durch die Sowjets 1943 wurde dennoch zunächst die Legende verbreitet, alle Start-Spieler seien ermordet worden. Erst in den 60ern räumten die Sowjets ein, dass es Überlebende gegeben hatte; bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90ern hielten sich aber die Mythen über die Gängelung der Spieler und die Behauptung, die Morde hätten im Zusammenhang mit dem Spiel gestanden.

Das ist aber auch schon deshalb nicht glaubwürdig, weil es gar keine so unglaubliche Demütigung für die Deutschen gewesen sein kann – Niederlagen gegen ukrainische Teams waren sie gewohnt. Der Historiker Wolodymyr Hynda konnte Aufzeichnungen über 111 Spiele zwischen deutschen und ukrainischen Mannschaften während der Zeit der Besatzung finden – 60 davon gewannen die Ukrainer.



[ii] Für Leser mit Russischkenntnissen finden sich Links zu vielen Artikeln, die diese und folgende Aussagen belegen und erläutern, unter https://de.wikipedia.org/wiki/Todesspiel_(Fußball)

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