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IRRTUM: Frauenfußball ist viel fairer als Männerfußball

 Wann immer ein großes Fußballturnier der Frauen stattfindet, sind die Kommentarspalten voll von immer gleichen Beiträgen: „Die Frauen lassen sich wenigstens nicht dauernd fallen“; „Wenn eine Frau gefoult wird, steht sie gleich wieder auf; bei den Männern kriegen wir erstmal einen dreifachen Überschlag mit anschließendem Koma zu sehen!“ Der Autor Oliver Uschmann widmet dem Mythos vom fairen Frauenfußball in seinem Buch Überleben beim Fußball (Wilhelm Heyne Verlag, 2013) ein ganzes Kapitel, in dem er behauptet, beim Frauenfußball gebe es unter anderem keinen „wütenden Ernst“ und keine Schwalben. Viele Fans stimmen ihm zu. Aber stimmt es, dass es bei den Frauen viel fairer zugeht, dass es keine Schwalben, keine Schauspielerei, keine Rudelbildung und Proteste, kein Zeitspiel und viel weniger Fouls gibt? Dass die Frauen viel härter im Nehmen sind und immer gleich wieder aufstehen, wenn sie doch mal etwas abkriegen?

Vorweg: Zu vielen der diskutierten Punkte gibt es keine klaren Zahlen. Daten über die Menge an Schwalben sind z.B. weder für den Herren- noch für den Damenfußball zu bekommen. Und da, wo es Zahlen gibt, ist der Vergleich oft trotzdem nicht einfach. So ist tatsächlich durch eine Studie der TU München belegt, dass Männer nach einem Foul rund 30 Sekunden länger am Boden bleiben als die Frauen – es ist aber gar nicht abschätzbar, inwieweit zum Beispiel das höhere Spieltempo bei den Männern und deren größere Muskelmasse dafür eine Rolle spielen, ob also die Männer vielleicht vor allem deshalb länger liegen bleiben, weil sie viel härter getroffen werden. Auch, dass Männer nachweislich eher zu Schauspielerei neigen, je bedeutender das Spiel ist, macht einen Vergleich schwer – kein Spiel im Frauenfußball kann an finanzieller Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung mit den größeren Partien der Herren mithalten.

 Was die reine Zahl der Unterbrechungen angeht, liegen laut der Studie übrigens die Frauen vorne. Sie gehen unter anderem öfter zu Boden, stehen dann aber eben tatsächlich schneller auf[i].

Und warum gehen die Damen öfter zu Boden? Unter anderem, weil im Frauenfußball mehr gefoult wird als bei den Männern. Ja, richtig gelesen: Bei den vermeintlich so fairen Frauen wird ordentlich geholzt. Statistisch ist der Unterschied zwar nicht so gewaltig – im Schnitt 28 Fouls pro Spiel bei den Frauen, 27 bei den Männern[ii]  -, hier ist aber zu berücksichtigen, dass Frauen von den Schiedsrichterinnen im Allgemeinen großzügiger bewertet werden (was auch die Kartenverteilung zeigt). Auch hier zeigt sich also wieder, dass aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslage ein direkter Vergleich schwerfällt.

Insgesamt lässt sich zusammenfassen: Statistisch ist der Unterschied in der Fairness zwischen Frauen und Männern nicht allzu groß. Da die Frauen durch die geringere wirtschaftliche Bedeutung und öffentliche Beachtung ihrer Spiele weniger unter Druck stehen, große Unterschiede in Spieltempo und Athletik vorliegen und Frauen und Männer aus psychologischen Gründen[1] von Zuschauern wie Schiedsrichtern allgemein unterschiedlich bewertet werden, ist der direkte Vergleich nur schwer möglich und auch nicht besonders sinnvoll.

Um aber diejenigen zufrieden zu stellen, die sich von diesem Artikel eine „Gibt’s bei den Frauen alles auch“-Argumentation erhofft hatten, hier noch ein paar Beispiele, dass die Frauen eben nicht immer fairer und schöner spielen – klar, alles Einzelfälle. Aber das ist der immer ins Feld geführte Neymar bei den Männern auch…

Den Ruf als unfairste Spielerin aller Zeiten hat sich die Amerikanerin Elizabeth Lambert gesichert; Aufnahmen ihres Einsatzes für die Universitätsmannschaft New Mexico Lobos gegen die Brigham Young University 2009 gingen um die Welt. Lambert verteilte großzügig Schläge und Tritte, grätschte Gegenspielerinnen ohne Rücksicht auf Verluste in die Beine, verpasste einer Gegnerin einen herzhaften Schwinger in den Rücken und trat eine andere, als die schon am Boden lag, riss eine weitere am Pferdeschwanz zu Boden… Hier zeigt sich übrigens auch wieder die wesentlich großzügigere Bewertung von Fouls bei den Damen – eine ganze Reihe von Lamberts Fouls hätten eine glattrote Karte nach sich ziehen müssen, aber viele wurden nicht einmal gepfiffen… und am Ende sah Lambert nur einmal Gelb[iii].

Bei den Frauen gibt es keine Proteste, keine Rudelbildung um den Schiedsrichter, kein Gejammer? Das sollte man den Nationalspielerinnen Kameruns vielleicht noch einmal erklären. Die fühlten sich im WM-Achtelfinale 2019 gegen England von der Schiedsrichterin benachteiligt (zu Unrecht, die Schiedsrichterin lag in allen umstrittenen Szenen richtig) und meckerten und protestierten unablässig. Das gipfelte in zwei minutenlangen Spielunterbrechungen während derer sich die Afrikanerinnen weigerten, weiterzuspielen – das Spiel wäre wegen Rudelbildung und Gemecker beinahe abgebrochen worden[iv]. Das erlebt man beim Männerfußball auch eher selten…

Und das Schlimmste zum Schluss: Die WM-Viertelfinalpartie USA gegen Brasilien von 2011 widerlegt sämtliche Gerüchte vom faireren Frauenfußball auf einmal und kann als ein Tiefpunkt des Frauenfußballs gelten. Das Publikum im Gladbacher Stadion war zunächst auf Seiten der Brasilianerinnen um Superstar Marta. Das sollte sich ändern. Denn nach dem frühen Rückstand durch ein Eigentor verloren die Südamerikanerinnen fast umgehend die Fassung. Insbesondere Marta fiel schon in den ersten zwanzig Minuten mit dauerndem Gemecker und Gegifte gegen Schiedsrichter und Gegner auf; kurz vor der Pause sah sie dafür eine überfällige Gelbe Karte. In der zweiten Halbzeit provozierte Brasiliens Star dann mit einer lachhaften Schwalbe eine rote Karte für Rachel Buehler und einen Elfmeter. Als US-Keeperin Hope Solo den parierte, protestierten die Brasilianerinnen so lange, bis die Schiedsrichterin den Strafstoß zu Unrecht wiederholen ließ – 1:1. Was einmal klappt, kann ja wieder klappen, und so verlegten die Brasilianerinnen, die mittlerweile bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurden, sich in der Folge fast ausschließlich auf Schwalben im Strafraum. Zu Beginn der Verlängerung gingen sie dann durch ein Abseitstor in Führung, was zu einer neuen Taktikänderung führte – statt Schwalben nun massives Zeitspiel, während die US-Amerikanerinnen ihrerseits anfingen, im gegnerischen Strafraum seeeehr leicht zu Boden zu gehen. Den Tiefpunkt des Spiels setzte dann ausnahmsweise nicht Marta, sondern ihre Teamkollegin Érika. Die sank in der 115. Minute im eigenen Strafraum ohne Kontakt mit einer Gegenspielerin darnieder und wälzte sich zwei Minuten lang mit schmerzverzerrtem Gesicht herum, ließ sich von den Medizinern behandeln und mit der Trage vom Platz bringen. Sobald die Trage das Spielfeld verlassen hatte, sprang Érika wieder auf und wollte ins Spiel zurückkehren…[v] Das Spiel widerlegt also klar die Behauptungen, im Frauenfußball gäbe es keine Schwalben, kein Zeitspiel, kein Gemecker, kein unfaires Verhalten. Aber der späte Ausgleich der USA und ihr Sieg im Elfmeterschießen lassen immerhin darauf schließen, dass es doch einen Fußballgott oder zumindest Karma gibt.     



[1] Hier ist vor allem der Women-are-Wonderful-Effect zu nennen, ein Denkfehler, bei dem Frauen grundsätzlich positiver bewertet werden als Männer. Unter anderem werden den Damen eher lautere Absichten unterstellt, was zum Beispiel bedeuten kann, dass ein Foul bei ihnen eher als Versehen betrachtet und weniger streng beurteilt wird, während ein identisches Foul einem Mann als böse Absicht ausgelegt wird…

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