Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Profis bedeutet ein Derby nichts

 Ein genereller Vorwurf, der Fußballprofis in schlechten Phasen gerne gemacht wird, lautet: Sie hängen eben nicht mit so viel Herzblut an der Sache wie die Fans, sie sammeln ihren Gehaltsscheck ein und der Rest bedeutet ihnen nicht wirklich etwas. Sehr konkret wird der Vorwurf dann immer, wenn eine Mannschaft ein schlechtes Derby abliefert. Für die Fans ist das das Spiel des Jahres, aber die Profis sind nun mal Legionäre, ihnen bedeutet Dortmund gegen Schalke, HSV gegen St. Pauli, Liverpool gegen Everton, Celtic gegen Rangers nicht mehr als jedes andere Spiel der Saison auch. Oder?

 Weit gefehlt. Auch für die Profis ist ein Derby ein ganz besonderes Spiel – und das lässt sich auch unabhängig von markigen Sprüchen, die ja auch reine Imagepflege sein können, beweisen.

Eine Studie von 2012 analysierte mehr als 3000 Spiele der italienischen Serie A und konnte zeigen: In Spielen gegen Lokalrivalen, etwa zwischen AS Rom und Lazio Rom, spielten die Profis wesentlich aggressiver, was sich auch in einer signifikant höheren Zahl an gelben und roten Karten widerspiegelte. Schon 2003 hatte eine andere Studie in der englischen Premier League denselben Effekt festgestellt – und ihn auch neurochemisch untermauert: Die Spieler wiesen vor einem Derby einen deutlich höheren Testosteronspiegel auf als vor jedem anderen Spiel (ein Effekt, der sich interessanterweise bei allen Spielern zeigte, bei Torhütern aber deutlicher ausfiel als bei allen anderen).

Studien aus anderen Sportarten zeigen noch weitere „Derby-Effekte“ bei Spielern und Trainern (wobei bisher unklar ist, inwieweit diese auch beim Fußball zutreffen). So greifen Trainer in der amerikanischen Football-Liga NFL in Derbys signifikant häufiger zu besonders aggressiven und riskanten Taktiken, und im Basketball verteidigen die Mannschaften in Derbys wesentlich effektiver und erfolgreicher als in „normalen“ Spielen.

 

Quellen: Kilduff, G.J., Galinsky, A.D., Gallo, E. and Reade, J.J. (2012). Whatever it takes: Rivalry and unethical behavior. Paper presented at the 25th Annual International Association of Conflict Mangement Conference, Spier, South Africa; Wertheim, L. Jon and Sommers, Sam: This is your brain on Sports. New York 2016, s.171 ff.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...