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IRRTUM: Es gibt keine homosexuellen Fußballer

 „Gibt es nicht, sag ich nix dazu. Gibt es nicht. Es gibt keine schwulen Fußballer.“ O-Ton Mario Basler. Der Ex-Fußballprofi äußerte sich mehrfach derart und vertritt damit eine Meinung, die in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet ist. Im Internet stößt man bisweilen auf die Behauptung, man „müsse auf Frauen stehen, um gut Fußball spielen zu können“ – soll heißen, alle männlichen Spitzenfußballer sind heterosexuell, alle weiblichen Spitzenfußballerinnen lesbisch.

Verteidiger dieser These weisen darauf hin, dass Studien vermuten lassen, der Anteil von Homosexuellen sei unter Profifußballerinnen deutlich höher als in der Gesamtgesellschaft – 30 bis 40 Prozent gegenüber rund fünf Prozent[i]. Als Erklärung wird zum einen angeboten, im sportlichen Wettkampf könnten Frauen ihre eher „männlichen“ Seiten wie Aggressivität und Ehrgeiz ausleben, zum anderen, durch die höhere Akzeptanz lesbischer Beziehungen im Fußball sei der Sport eine verlockende Anlaufstelle für junge lesbische Frauen.

Umgekehrt, so nun die Argumentation, wiese der enorm geringe Anteil an bekanntermaßen schwulen Fußballern darauf hin, dass deren Anteil an der Gesamtspielerzahl wesentlich geringer sei als der Anteil von Schwulen in der Bevölkerung. Und das liege wohlmöglich an der Umkehrung der Situation bei den Frauen: Für homosexuelle Männer seien das Ausleben von Aggressivität und Ehrgeiz im Sport nicht besonders reizvoll, und die geringe Akzeptanz von Schwulen im Fußball schrecke sie davon ab, diesen Karriereweg einzuschlagen. Widerlegen kann man diese Ansicht mit den mangelhaften vorliegenden Daten nicht.

Klar zu widerlegen ist allerdings die Behauptung, es gäbe überhaupt keine schwulen Fußballer, zumindest keine erfolgreichen.

Der erste deutsche Profi, von dem wir sicher wissen, dass er zumindest gleichgeschlechtliche Neigungen hatte, war Heinz Bonn, der von 1970 bis 1973 für den HSV in der Bundesliga spielte. Während seiner kurzen, von Knieverletzungen geprägten Karriere gab es offenbar keinerlei Verdacht oder Gerüchte. Erst sechs Jahre nach seiner aktiven Zeit, im Jahr 1991, kam seine Sexualität auf tragische Weise ans Licht: Bonn wurde ermordet in seiner Wohnung in Hannover aufgefunden. Bei den Ermittlungen wurden seine Verbindungen in das homosexuelle Rotlichtmilieu aufgedeckt. Bonn hatte wohl regelmäßig männliche Prostituierte zu Gast, und der bis heute nicht gefasste Mörder gehörte nach Vermutungen der Polizei ebenfalls in dieses Milieu[ii].

Nicht viel besser erging es dem ersten offen homosexuellen Profi einer großen europäischen Liga: Justin Fashanu, Profi bei Norwich City und Nottingham Forest in der Premier League, Schütze des Tores der Saison 1979/1980, outete sich 1990 öffentlich – nachdem Gerüchte über seine Besuche in Schwulenbars schon während seiner gesamten Karriere kursiert hatten. Das Medienecho war enorm, aber überwiegend negativ, und selbst seine Familie distanzierte sich von ihm; seine Fußballkarriere stürzte ihrem Ende entgegen. 1998, mittlerweile als Jugendtrainer in den USA tätig, wurde Fashanu des sexuellen Missbrauchs an einem 17-jährigen bezichtigt – wohl zu Unrecht. Erneut dem enormen Druck durch Öffentlichkeit und Presse ausgesetzt, nahm sich Fashanu im Mai 1998 das Leben[iii].

Fashanus tragische Geschichte ist wohl ein Grund dafür, warum sich lange Zeit keine Profis mehr während ihrer Karriere outeten. Die wenigen, die sich überhaupt trauten – aus der Bundesliga nur Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger[iv] - outeten sich erst nach Karriereende.

Bis 2013 erstmalig jemand positive Erfahrungen machte. Der 18-malige US-amerikanische Nationalspieler Robbie Rogers plante ein frühes Karriereende und verband dessen Ankündigung mit seinem Outing. Die Reaktionen waren überwältigend – und positiv. Kollegen, der amerikanische Fußballverband, selbst FIFA-Chef Sepp Blatter, lobten Rogers für seinen Mut und sagten ihm jede Unterstützung zu[v]. Es folgte der Rücktritt vom Rücktritt, und als Rogers am 27. Mai 2013 als erster bekennender schwuler Fußballer in der amerikanischen Spitzenliga MLS für LA Galaxy aufs Feld kam, brandete Jubel auf den Rängen auf[vi]. Auch nach seinem endgültigen Karriereende 2017 gilt Rogers als großer Fanliebling in LA.

Es ist zu hoffen, dass Geschichten wie die von Rogers in Zukunft dafür sorgen, dass homosexuelle Spieler im Profifußball als normal akzeptiert werden und Outings keine große Sache mehr sind – oder am besten einfach gar nicht mehr notwendig. Der nächste Schritt dorthin passierte im Herbst 2021 beziehungsweise im Frühjahr 2022, als sich kurz nacheinander zwei junge Profis am Beginn ihrer Karriere – der Australier Josh Cavallo und der Engländer Jake Daniels[vii] – öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten.

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