Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Hannah Hampton ließ eine Flasche mit Elfmeternotizen der Gegner verschwinden

 

Das Finale der Frauen-EM am 27. Juli 2025 zwischen England und Spanien wurde im Elfmeterschießen entschieden. Wie heutzutage trotz fragwürdigem Nutzen üblich, hatten beide Keeperinnen Notizen zu den möglichen gegnerischen Schützinnen zur Hand – Spaniens Cata Coll auf ihrer Trinkflasche, Englands Hannah Hampton stattdessen auf ihrem Unterarm.

Beiden Keeperinnen gelangen zwei Paraden – Coll hielt gegen Mead und Williamson, Hampton gegen Mariona und Aitana. Da zudem die Spanierin Paralluelo am Tor vorbeischoss, siegten die Engländerinnen und verteidigten ihren Europameistertitel.

Am 08.08.25 entstand plötzlich Unruhe um dieses Elfmeterschießen. Denn Hampton behauptete in einem Interview bei Talksport, sie habe in einem unbeobachteten Moment Colls Trinkflasche mit den Notizen genommen und auf die Zuschauertribüne geworfen. Sofort wurde in den sozialen Medien wieder einmal der Vorwurf der Unsportlichkeit laut.

Aber fand der Flaschenwurf überhaupt statt? 

Dass das Thema erst durch ein Interview mit der „Täterin“ drei Wochen später bekannt wird, sollte misstrauisch stimmen. Müsste es keine Fotos und Fernsehbilder geben, in denen Hampton die Flasche wirft oder in denen Coll verwirrt nach ihren Notizen sucht? Hätten die spanischen Spielerinnen nicht sehen müssen, dass die Engländerin an der Flasche ihrer Keeperin zugange ist? Wäre Hampton nicht direkt nach dem Spiel danach gefragt worden, hätten die Spanierinnen sich nicht direkt nach dem Spiel beklagt? Was ist mit den englischen Fans, zu denen die Flasche angeblich geworfen wurde? Niemand, der die Flasche auf Instagram postet?

Auch nach Hamptons „Geständnis“ sind keine bestätigenden Bilder oder Zeugenaussagen aufgetaucht.

Stattdessen äußerte sich Cata Coll am 10.08. per X (ehemals Twitter). Sie postete einen Link mit Hamptons Aussagen, versehen mit zwei Tränen lachenden Emojis und dem Kommentar „Okey okey, calma calma. Al menos si fuera cierto…“ – Okay, okay, beruhig dich, beruhig dich. Wenn es denn bloß wahr wäre…

Coll hat bisher keine weiteren Details preisgegeben, aber man kann aus diesem Beitrag schließen, dass sie die Geschichte zumindest teilweise anzweifelt.

Auch eine Analyse der Fernsehbilder zeigt, dass sich der Vorfall nicht so abgespielt haben kann wie in den Medien verbreitet: Nicht nur, dass Hamptons Wurf von den 27 Fernsehkameras, die auf das Elfmeterschießen gerichtet waren, nicht erfasst wurde, Cata Colls Flasche, klar erkennbar da halb in ein Handtuch eingewickelt, ist noch beim letzten Elfmeter neben dem Tor zu sehen.

 

Das Fazit also: Der angebliche Flaschenwurf fand nie statt.

 

Warum also erzählt Hampton so eine Geschichte?

Möglichkeit 1: Sie glaubt, sie habe Colls Flasche verschwinden lassen. Die Fernsehbilder zeigen neben der tatsächlichen Flasche noch mehrere weitere Trinkflaschen hinter dem Tor – hat Hampton die falsche Flasche weggeworfen? Aus Versehen oder gar absichtlich, als Psycho-Trick? Nicht auszuschließen, allerdings bleiben auch in diesem Fall die fehlenden Fernsehbilder rätselhaft.

Möglichkeit 2: Es war ein Scherz der englischen Keeperin, der außer Kontrolle geriet, weil er nicht verstanden wurde. Schaut man sich das berüchtigte Interview unter dieser Annahme an, fällt zumindest auf, dass Hampton mehrfach im Konjunktiv spricht und auf die direkte Nachfrage der Moderatoren „Das hast du wirklich gemacht?“ eher ausweichend antwortet…

 

Quellen:

Aufzeichnung des Elfmeterschießens zwischen England (Frauen) und Spanien (Frauen) am 27.07.2025 (https://youtu.be/GmBFBZT4u7Q?feature=shared)

Interview mit Hannah Hampton bei Talksport am 08.08.2025 (https://youtu.be/3tqA3DRr918?feature=shared)

Bird, Jeorge: Spain goalkeeper Cata Coll hits back at England star Hannah Hampton's claim that she threw her cheat sheet into the CROWD during Euros final penalty shootout. Daily Mail, 10.08.2025 (https://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-14987039/Spain-goalkeeper-Cata-Coll-hits-England-star-Hannah-Hamptons-claim-threw-cheat-sheet-CROWD-Euros-final-penalty-shootout.html)

Prenn, Tamara: New TV footage analysis appears to reveal the TRUTH behind Hannah Hampton’s water bottle claims after Spain’s goalkeeper accused her of LYING. Daily Mail, 11.08.2025 (https://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-14989901/New-TV-footage-analysis-appears-reveal-TRUTH-Hannah-Hamptons-water-bottle-claims-Spains-goalkeeper-accused-LYING.html)

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Es gibt keinen Bayernbonus, und Fehlentscheidungen gleichen sich im Laufe einer Saison aus

  Zu den meistdiskutierten Phänomenen in der deutschen Bundesliga gehört zweifelsohne der sogenannte „Bayern-Bonus“. Der Vorwurf der Fans aller deutschen Vereine außer dem FC Bayern München: Die Bayern genießen einen besonderen Schutz, ja nachgerade eine Unterstützung durch die Schiedsrichter. Fällt ein Bayernspieler im gegnerischen Strafraum, dann gibt es sofort Elfmeter; im Strafraum der Bayern kann dagegen nach Belieben und folgenlos gezogen und getreten werden. Wer gegen Bayern spielt, sieht für ein gelbwürdiges Foul gerne mal Rot, wer für Bayern spielt dagegen auch für klar rotwürdige Fouls schlimmstenfalls Gelb. Und führen die Bayern dann am Ende der 90 Minuten knapp, wird sofort abgepfiffen; liegen sie hingegen knapp zurück, wird das Spiel so lange verlängert, bis sie endlich zum Ausgleich treffen. Bayernfans und -funktionäre bezweifeln diese Sicht naturgemäß, schieben sie auf Neid und Missgunst und behaupten, einzelne Fehlentscheidungen glichen sich im Laufe einer Saiso...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...