Direkt zum Hauptbereich

IRRTUM: Schiedsrichter entscheiden objektiv

 1934 wurde die WM im faschistischen Italien Benito Mussolinis ausgetragen. Der Diktator wollte einen großen Triumph der eher als Außenseiter gestarteten Heimmannschaft und griff dabei zu allen Mitteln. Schon im Viertelfinale waren die Italiener dank einer ganzen Reihe von fragwürdigen Entscheidungen weitergekommen – so hatte der Schweizer Schiedsrichter René Mercet zugelassen, dass mehrere Italiener den spanischen Torhüter einkesselten, während die Heimmannschaft das Führungstor schoss. In der zweiten Halbzeit verwehrte er zwei korrekten spanischen Treffern die Anerkennung, Italien zog mit einem 1:0 ins Halbfinale. Nun sollte ein Mann die Bühne betreten, der als vielleicht parteiischster Schiri aller Zeiten in die Geschichte einging: Ivan Eklind aus Schweden. Der war am Abend vor dem Spiel Ehrengast an Mussolinis Tafel. Im folgenden Spiel erkannte er den italienischen „Treffer“ zum 0:1 an, obwohl der zustande kam, indem drei Italiener den österreichischen Keeper, der den Ball in der Hand hielt, ins Tor schubsten. Und in der Schlussphase liefert der Schwede sein Meisterstück – eine gefährliche Flanke in den italienischen Strafraum klärt er selbst per Kopfball ins Toraus und gibt Abstoß für Italien. Normalerweise wird ein Schiri nach einer solchen Leistung gesperrt. Eklind hingegen durfte, wohl auf Mussolinis persönlichen Wunsch, auch das Finale zwischen den Gastgebern und der Tschechoslowakei leiten. Nach mindestens zwei nicht gegebenen Elfmetern für die Tschechen siegte Italien mit 2:1 – dank einer unfassbaren Leistung eines Schiedsrichters bar jeder Objektivität.

Nun war die WM 1934 sicher eine Ausnahmesituation. Klar gibt es immer wieder parteiische Schiedsrichter – sei es, weil sie bestochen wurden, oder schlicht, weil ihnen eine Mannschaft tatsächlich einfach lieber ist als die andere. Aber die Mehrheit der Schiedsrichter ist doch professionell und hat ein gewisses Berufsethos. In aller Regel wird ein Schiri objektiv entscheiden. Oder?

Nein.

Es geht hier nicht darum, den Schiedsrichtern Böses zu unterstellen – die allermeisten möchten gerne objektiv entscheiden. Aber wie alle Menschen sind auch Schiedsrichter so vielen kognitiven Verzerrungen ausgesetzt, dass sie zwei identische Situationen praktisch nie identisch bewerten. Von einer objektiven Fairness sind die Schiedsrichter ganz ohne bewusstes Handeln meilenweit entfernt. Dafür kann man ihnen nicht einmal böse sein – das ist völlig menschlich.

Wie in diesem Blog bereits ausgeführt, besteht der Heimvorteil vor allem darin, dass die Schiedsrichter auf den sozialen Druck durch die Fans reagieren und die Heimmannschaft bevorzugen – der sogenannte Crowd-Noise-Effekt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schiedsrichter eine gelbe Karte erteilt, steigt zum Beispiel mit der Lautstärke, in der das Heimpublikum die Karte fordert, vermutlich, weil der Schiedsrichter unterbewusst aus der wahrgenommenen Empörung des Publikums auf die Schwere des Fouls schließt[i].

Ähnlich können sich auch die vorgefassten Erwartungen des Schiedsrichters auf seine Entscheidungen auswirken. Schiedsrichter bevorzugen systematisch den Favoriten einer Partie, was sich in der deutschen Bundesliga als gewaltiger „Bayern-Bonus“ niederschlägt (siehe Seite). Ein Schiedsrichter wird auch eine Mannschaft härter bewerten, die ihm im Vorfeld als besonders aggressiv angekündigt wurde – wie auch eine Mannschaft in schwarzen Trikots, da Schwarz als aggressive Farbe wahrgenommen wird[ii]. In Zweikampfsituationen wird zudem oft zugunsten des kleineren Spielers entschieden, vermutlich ebenfalls aufgrund einer wahrgenommenen Aggressivität. Sogar ein unterbewusster Rassismus konnte festgestellt werden – Schiedsrichter bevorzugen oft Mannschaften aus dem eigenen Kulturkreis.

Außerdem spielen Spielphase und Spielverlauf eine Rolle für die Bewertung einzelner Situationen. In der ersten Viertelstunde eines Spiels ist es wesentlich unwahrscheinlicher, dass ein Schiedsrichter die gelbe Karte zückt – er will nicht zu früh hart durchgreifen. Umgekehrt wird er in der Schlussphase mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf Elfmeter entscheiden, insbesondere bei einem engen Spielstand – damit könnte er ja entscheidend auf das Ergebnis einwirken, was er unterbewusst zu vermeiden versucht. Aus demselben Grund beeinflussen eine Elfmeterentscheidung oder ein Platzverweis auch die zukünftigen Einschätzungen des Schiedsrichters. Hat er bereits einen Elfmeter für Mannschaft A erteilt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Mannschaft A noch einen weiteren Elfmeter zugesprochen bekommt – auch wenn er gerechtfertigt wäre. Umgekehrt kann sich Mannschaft B über eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf einen Elfmeter freuen.

Zu guter Letzt nehmen Menschen Aktionen als schöner war, wenn sie entlang der gewohnten Leserichtung ablaufen[1]; für europäische Schiedsrichter, die mit dem Lesen von links nach rechts aufgewachsen sind, bedeutet das unter anderem, dass sie einen Zweikampf eher als Foul bewerten, wenn sich der angreifende Spieler von rechts nach links bewegt.

Mit Training und Erfahrung lassen sich all diese Einflüsse abschwächen, so dass Spitzenschiedsrichter in aller Regel wesentlich objektiver entscheiden als Amateure. Trotzdem wird eine absolute Objektivität des Schiedsrichters nie zu erreichen sein.



[1] Das führt interessanterweise auch dazu, dass Europäer ein Tor schöner finden, bei dem der Ball aus ihrer Perspektive von links nach rechts geschossen wurde.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

IRRTUM: Oliver Bierhoff erzielte das erste Golden Goal

  1993 wurde die umstrittene Golden Goal -Regel eingeführt (um 2004 wieder abgeschafft zu werden). Die Regel besagte, dass eine Verlängerung durch das erste Tor entschieden werden würde. 1996 schoss Oliver Bierhoff die deutsche Nationalmannschaft per Golden Goal zum Europameistertitel, und ein besonders hartnäckiger Irrtum besagt, dies sei das erste Golden Goal der Fußballgeschichte gewesen. Nicht nur am Stammtisch kursiert diese Behauptung, auch zahlreiche Fachbücher und Sportmedien verbreiten sie immer wieder. Zuletzt war sie in Rückblicken auf die EM 96 im Vorfeld der EM 2021 vermehrt zu hören. Doch falsch ist sie trotzdem. Der 1868 ausgetragene Cromwell Cup war das zweite Fußballturnier der Weltgeschichte (und das erste im KO-Modus ausgetragene Turnier überhaupt). Im Finale standen sich The Wednesday (heute Sheffield Wednesday) und der Garrick FC gegenüber. Vor dem Spiel vereinbarten die Kapitäne, dass im Falle einer Verlängerung das erste Tor entscheiden würde. Man nannt...

IRRTUM: Eine Doppelbestrafung (Rote Karte und Elfmeter für ein Foul) ist verboten

 Vor ein paar Tagen hatte die deutsche Frauennationalmannschaft bei der Europameisterschaft einen herben Rückschlag zu beklagen: Das letzte Vorrundenspiel gegen Schweden ging mit sage und schreibe 1:4 verloren. Ein Aspekt des Debakels: Beim Stand von 1:2 klärte Abwehrspielerin Carlotta Wamser einen Torschuss mit der Hand auf der deutschen Torlinie – Platzverweis für Wamser und Elfmeter für Schweden. Fridolina Rolfö verwandelte zum 3:1 aus schwedischer Sicht. Und in Deutschland gab es einen Aufschrei. Denn man wurde ja doppelt bestraft – mit einer roten Karte und einem Elfmeter! Und ist nicht die Doppelbestrafung (manchmal auch als Dreifachbestrafung bezeichnet, weil ja auch noch eine Sperre für den Rotsünder folgt) heutzutage verboten?   Nein. Die so oft diskutierte „Abschaffung der Doppelbestrafung“ bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, nämlich auf die sogenannte Notbremse. Eine Notbremse liegt vor, wenn eine direkte Torchance durch ein Foul vereitelt wird. Bi...

IRRTUM: Ball gespielt ist nie ein Foul

  Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, nur der sogenannte „letzte Mann“ dürfe eine rote Karte für ein torverhinderndes Foul sehen. Aber ein anderer Mythos ist noch verbreiteter und noch falscher: „Es ist nur ein Foul, wenn der Ball nicht gespielt wurde!“ Diese Überzeugung treibt in den sozialen Medien wilde Blüten. Da wird dann eine brutale Grätsche von hinten Bild für Bild analysiert, um herauszufinden, ob der grätschende Spieler irgendwann im Bewegungsablauf den Ball leicht touchiert hat – um dann stolz zu verkünden, die Szene sei ja wohl kein Foul gewesen, sondern „Ball gespielt“. Aber tatsächlich spielt es praktisch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Foul der Ball gespielt wurde oder nicht. Foul ist Foul, unabhängig von einer Ballberührung. Die offiziellen Fußballregeln enthalten in der Erläuterung der Vergehen, die zu einem direkten Freistoß (bzw. zu einem Strafstoß) führen und in der Definition der Schwere eines Fouls nicht einen einzigen Satz...